Gotthold
Ephraim Lessing
Briefe, die neueste Literatur
betreffend,
Nr. 17
,,Niemand",
sagen die Verfasser der Bibliothek ,wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen
Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe."
Ich
bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. Es wäre zu wünschen,
daß sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte.
Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten
oder sind wahre Verschlimmerungen.
Als
die Neuberin blühte und so mancher den Beruf fühlte, sich um sie
und die Bühne verdient zu machen, sahe es freilich mit unserer dramatischen
Poesie sehr elend aus. Man kannte keine Regeln; man bekümmerte sich um
keine Muster. Unsre Staats- und Heldenaktionen waren voller Unsinn, Bombast,
Schmutz und Pšbelwitz. Unsre Lustspiele bestanden in Verkleidungen und Zaubereien,
und Prügel waren die witzigsten Einfälle derselben. Dieses Verderbnis
einzusehen, brauchte man eben nicht der feinste und größte Geist
zu sein. Auch war Herr Gottsched nicht der erste, der es einsahe; er war nur
der erste, der sich Kräfte genug zutraute, ihm abzuhelfen. Und wie ging
er damit zu Werke? Er verstand ein wenig Französisch und fing an zu übersetzen;
er ermunterte alles, was reimen und "Oui, monsieur" verstehen konnte,
gleichfalls zu übersetzen; er verfertigte, wie ein schweizerischer Kunstrichter
sagt, mit Kleister und Schere seinen Cato; er lie§ den Darius und die Austern,
die Elise, und den Bock im Prozesse, den Aurelius und den Witzling,
die Banise und den Hypochondristen ohne Kleister und Schere
machen; er legte seinen Fluch auf das Extemporieren; er ließ den Harlekin
feierlich vom Theater vertreiben, welches selbst die größte Harlekinade
war, die jemals gespielt worden; kurz, er wollte nicht so wohl unser altes
Theater verbessern, als der Schöpfer eines ganz neuen sein. Und was für
eines neuen ? Eines französierenden - ohne zu untersuchen, ob dieses
französierende Theater der deutschen Denkungsart angernessen sei oder
nicht. Er hätte aus unsern alten dramatischen Stücken,welche er
vertrieb, hinlänglich abmerken können, daß wir mehr in den
Geschmack der Engländer als der Franzosen einschlagen; daß wir
in unsern Trauerspielen mehr sehen und denken wollen, als uns das furchtsame
französische Trauerspiel zu sehen und zu denken gibt; daß das Große,
das Schreckliche, das Melancholische besser auf uns wirkt als das Artige,
das Zärtliche, das Verliebte; daß uns die zu große Einfalt
mehr ermüde als die zu große Verwickelung usw. Er hätte also
auf dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn geraden Weges auf das
englische Theater geführet haben. - Sagen Sie ja nicht, daß er
auch dieses zu nutzen gesucht, wie sein Cato es beweise. Denn eben
dieses, daß er den Addisonschen Cato für das beste englische
Trauerspiel hielt, zeiget deutlich, daß er hier nur mit den Augen der
Franzosen gesehen und damals keinen Shakespeare, keinen Jonson, keinen Beaumont
und Fletcher usw. gekannt hat, die er hernach aus Stolz auch nicht hat wollen
kermen lernen.
Wenn
man die Meisterstücke des Shakespeare, mit einigen bescheidenen Verþnderungen,
unsern Deutschen übersetzt hätte, ich weiß gewiß, er
würde von bessern Folgen gewesen sein, als daß man sie mit dem
Corneille und Racine so bekannt gemacht hat. Erstlich würde das Volk
an jenem weit mehr Geschmack gefunden haben, als es an
Auch
nach den Muster der Alten die Sache zu entscheiden, ist Shakespeare ein weit
größerer tragischer Dichter als Corneille, obgleich dieser die
Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt hat. Corneille kömmt
ihnen in der mechanischen Einrichtung und Shakespeare in dem Wesentlichen näher. Der Engländer erreicht den Zweck der Tragödie
fast immer, so sonderbare und ihm. eigene Wege er auch wählet; und der
Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten
betritt. Nach dem Oedipus des Sophokles muß in der Welt kein
Stück mehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben als Othello,
als König Lear, als Hamlet usw. Hat Corneille ein einziges
Trauerspiel, das Sie nur halb so gerühret hätte als die Zaire
des Voltaire? Und die Zaire des Voltaire, wie weit ist sie unter
dem Mohren von Venedig, dessen schwache Kopie sie ist, und von welchem
der ganze Charakter des Orosmans entlehnet worden?
Daß
aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englisches gehabt haben, könnte
ich Ihnen mit geringer Mühe weitläufig beweisen. Nur das bekannteste
derselben zu nennen, Doktor Faust hat eine Menge Szenen, die nur ein
Shakespearesches Genie zu denken vermögend gewesen. Und wie verliebt
war Deutschland, und ist es zurn Teil noch,in seinen Doktor Faust!
Einer von meinen Freunden verwahret einen alten Entwurf dieses Trauerspiels,
und er hat mir einen Auftritt daraus mitgeteilet, in welchem gewiß viel
Großes liegt. Sind Sie begierig, ihn zu lesen ? Hier ist er! -
Faust
verlangt den schnellsten Geist der Hö1le zu seiner Bedienung. Er macht
seine Beschwörungen - es erscheinen sieben derselben; und nun fängt
sich die dritte Szene des zweiten Aufzugs an:
FAUST. Ihr? Ihr seid die schnellesten Geister
der Hö1le?
DIE GEISTER ALLE. Wir.
FAUST. Seid ihr alle Sieben gleich Schnell?
DIE GEISTER ALLE. Nein.
FAUST. Und welcher von euch ist der schnelleste ?
DIE GEISTER ALLE. Der bin ich!
FAUST. Ein Wunder, daß unter Sieben Teufeln
nur sechs Lügner sind! - Ich muß euch näher
kennenlernen.
DER ERSTE GEIST. Das wirst du! Einst!
FAUST. Einst! Wie meinst du das? Predigen die
Teufel auch Buße?
DER ERSTE GEIST. Jawohl, den Verstockten. -
Aber halte uns nicht auf!
FAUST. Wie heißest du? Und wie Schnell bist
du?
DER ERSTE GEIST. Du könntest eher eine Probe
als eine Antwort haben.
FAUST. Nunwohl! Sieh her: was mache ich?
DER ERSTE GEIST. Du fährst mit deinern Finger
Schnell durch die Flamme des Lichts
FAUST. Und verbrenne mich nicht. So geh auch
du, und fahre siebenmal eben so schnell durch die
Flammen der Höl1e, und verbrenne dich nicht! -
Du verstummst? Du bleibst?-So prahlen auch
die Teufel? Ja, ja; keine Sünde ist so klein, daß
ihr sie euch nehmen liesset. - Zweiter, wie
heißest du?
DER ZWEITE GEIST. Chil; das ist in eurer lang-
weiligen Sprache: Pfeil der Pest.
FAUST. Und wie Schnell bist du?
DER ZWEITE GEIST. Denkest du, daß ich meinen
Namen vergebens führe?-Wie die Pfeile der
Pest.
FAUST. Nun, so geh und diene einem Arzte!
Für mich bist du viel zu langsam. - Du dritter,
wie heißest du?
DER DRITTE GEIST. Ich heiße Dilla, denn mich
tragen die Flügel der Winde.
FAUST. Und du vierter?
DER VIERTE GEIST. Mein Name ist Jutta, denn
ich fahre auf den Strahlen des Lichts.
FAUST. 0 ihr, deren Schnelligkeit in endlichen
Zahlen auszudrücken, ihr Elenden
DER FÜNFTE GEIST. Würdige sie deines Unwillens
nicht! Sie Sind nur Satans Boten in der Körperwelt.
Wir Sind es in der Welt der Geister; uns wirst du
schneller finden.
FAUST. Und wie Schnell bist du?
DER FÜNFTE GEIST. So Schnell als die Gedanken
des Menschen.
FAUST. Das ist etwas! - Aber nicht immer
sind die Gedanken des Menschen Schnell. Nicht
da, wenn Wahrheit und Tugend sie auffordern.
Wie träge sind sie alsdenn! - Du kannst Schnell
sein, wenn du Schnell sein willst; aber wer steht
mir dafür, dass du es allezeit willst? Nein, dir
werde ich so wenig trauen, als ich mir selbst hþtte
trauen sollen. Ach! - (zum sechsten Geiste) Sage
du, wie Schnell bist du?
DER SECHSTE GEIST. So Schnell als die Rache
des Rächers!
FAUST. Des Rächers? Welches Rächers?
DER SECHSTE GEIST. Des Gewaltigen, des
Schrecklichen, der sich allein die Rache vorbehielt,
weil ihn die Rache vergnügte.
FAUST. Teufel! du lästerst, denn ich sehe, du
zitterst. - Schnell, sagst du, wie die Rache des ...
Bald hätte ich ihn genennt! Nein, er werde nicht
unter uns genennt! - Schnell wäre seine Rache?
Schnell? - Und ich lebe noch? Und sündige noch? ...
DER SECHSTE GEIST. Daß er dich noch sündigen
1äßt, ist schon Rache!
FAUST. Und daß ein Teufel mich dieses lehren
muß! --- "Aber doch erst heute! Nein, seine
Rache ist nicht Schnell, und wenn du nicht schneller
bist als seine. Rache, so geh nur! - (Zum siebenten
Geiste) Wie Schnell bist du?
DER SIEBENTE GEIST. Unzuvergnügender Ster
bliche, wo auch ich dir nicht Schnell genug bin ...
FAUST. So sage: wie Schnell?
DER SIEBENTE GEIST. Nicht mehr und nicht
weniger als der Übergang vom Guten zum Bösen.
FAUST. Ha! du bist mein Teufel! So Schnell als
der Übergang vorn Guten zurn Bösen! - Ja, der
ist Schnell; schneller ist nichts als der! - Weg von
hier, ihr Schnecken des Orkus! Weg!---Als
der Übergang vom Guten zum Bösen! Ich habe
es erfahren, wie Schnell er ist! Ich babe es erfahren!
Was
sagen Sie zu dieser Szene? Sie wünschen ein deutsches Stück, das
lauter solche Szenen hätte? Ich auch!