DER PHILISTER
CLEMENS BRENTANO

Der Philister tut alles um des irdischen Lebens willen / Sie
halten viel auf Brotstudien / Alle Begeisterten nennen sie
verrückte Schwärmer, alle Märtyrer Narren / Für jede Kunst
kann man nichts tun, als nach dem Vortrefflichen streben,
alle Tugend lieben und üben und kein Philister sein irn
Leben, das übrige ist die Sache Gottes / Philister vernichten
alte Sitten und Herkömmlichkeiten / Ihr höchster Plan, ein
Land zu beglücken, ist, es in ein rein gewürfeltes Damenbrelt
zu verwandeln / Nie sind sie berauscht gewesen, ohne zu
trinken, und dann immer sehr besoffen

Unser Alltagsleben besteht aus lauter erhaltenden, immer wiederkehrenden Verrichtungen, Dieser Zirkel von Gewohnheiten ist nur Mittel zu einern Hauptmittel, unserm irdischen Dasein überhaupt, das aus mannigfaltigen Arten zu existieren gemischt ist.

Phillister leben nur ein Alltagsleben. Das Hauptmittel scheint ihr einziger Zweck zu sein. Sie tun das alles um des irdischen Lebens willen, wie es scheint und nach ihren eigenen Äußerungen scheinen muß. Poesie mischen sie nur zur Notdurft unter, weil sie nun einmal an eine gewisse Unterbrechung ihres täglichen Laufs gewöhnt sind. In der Regel erfolgt diese Unterbrechung alle sieben Tage und könnte ein poetisches Septanfieber heißen. Sonntags ruht die Arbeit, sie leben ein bißchen besser als gewöhnlich, und dieser Sonntagsrausch endigt sich mit einem etwas tiefern Schlafe als sonst; daher aus montags alles noch einen raschern Gang hat. Ihre parties de plaisir miüssen konventionell, gewölinlich, modisch sein, aber auch ihr Vergnügen verarbeiten sie wie alles mühsam und förmlich.

Den höchsten Grad seines poetiscben Daseins erreicht der Philister bei einer Reise, Hochzeit, Kindtaufe und in der Kirche. Hier werden seine kühnsten Wünschc befriedigt und. oft übertroffen. --

Die schlechtesten unter ihnen sind die revolutionären Philister, wozu auch die Hefe der fortgehenden Köpfe, die habsüchtige Rasse gehört.
Grober Eigennutz ist das notwendige Resultat armseliger Beschränktheit. Die gegenwärtige Sensation ist die lebhafteste, die höchste eines Jämmerlings. Über diese kennt er nichts Höheres.

Der Name Philister ist ursprünglich von den hohen Schulen ausgegangen, wo die Jugend, dieser begeisterte, hochzeitstrunkene Löwenzerreißer, den Honig der Weisheit in dem Rachen des besiegten Tieres findet, wo die Jugend, dieser sich ewig crneuernde Simson,, freudig im Vertrauen auf göttliche Sterne das planvollee Segel eines leichten Kahnes wellensuchend den treibenden Winden des Hirnmels übergibt und, rasch auf dern Flügel der Begeisterung über den Meeresspiegel des Gottes hinfliehend, häuufig die bedächtigen, breiten Sdhleppsdiiffe der Phhilister in Grund segelt, welche, mit guten Pässen versehen, kannegießend unter dem Verdecke, auf ihrer Reise vom Buttermarkt nach dem Käsemarkt begriffen sind. Philister also wurden alle genannt, die keine Studenten waren, und nehmen wir das Wort Student im weiteren Sinne eines Erkenntnisbegierigen, eines Menschen, der das Haus seines Lebens noch nicht, wie eine Schnecke, welche die wahren Hausphilister sind, zugeklebt, eines Menschen, der in der Erforschung des Ewigen, der Wissenschaft oder Gottes, begriffen, der alle Strahlen des Lichtes in seiner Seele freudig spiegeln läßt, eines Anbetenden der Idee,so stehen die Philister ihm gegenüber, und alle sind Philister, welche keine Studenten im weiteren Sinne des Wortes sind.

Wenn der Philister morgens aus seinem traumlosen Schlafe wie ein ertrunkener Leichnam aus dem Wasser herauftaucht, so probiert er sachte mit seinen Gliedmaßen herum, ob sie auch noch alle zugegen; hierauf bleibt er ruhig liegen, und dem anpochenden Bringer des Morgenblattes ruft er zu, er solle es in der Küche abgeben, denn er liege jetzt im ersten Schweiße und könne, ohne ein Wagehals zu sein, nicht aufstehen; sodann denkt er daran, der Welt nützlich zu sein, und weil er fest überzeugt ist, daß der nüchterne Speichel etwas sehr Heilkräftiges sei, so bestreicht er sich die Augen damit, oder der Frau Philisterin, oder seinen kleinen Philistern, oder seinem wachsamen Hund. Seine weiße, baumwollene Schlafmütze, zu welchen diese Ungeheuer große Liebe tragen, sitzt unverrückt, denn ein Philister rührt sich nicht im Schlaf. Wenn er aufgestanden. geht es an ein gewaltiges Zungenschaben und Ohrenbohren, an ein Räuspern und Spucken, entsetzliches Gurgeln und irgendeine absonderliche Art sich zu waschen, nach einer fixen Idee, kalt oder warm sei gesund; sodann. kaut er einige Wacholderbeeren, während er an das gelbe Fieber denkt; oder er hält seinen Kindern eine Abhandlung vom Gebet und sagt, wenn er sie zur Schule geschickt, zu seiner Frau: „Man muß den äußern Schein beobachten, das erhält einern den Kredit." So dann raucht er Tabak, wozu er die höchste Leidenschaft hat, oder welches er übertrieben affektiert haßt. Zweifelsohne zieht der Philister nun auch alle Uhren des Hauses auf und schreibt das Datum mit Kreide über die Türe; trinkt er Kaffee, so würde es ihn schr kränken, wenn seine Frau ihm nicht ein halbdutzendmal sagte: „Trinke doch, er ist so schön warm; trink doch, eh er kalt wird“- usw.; wenn er ihm aber nicht warin gebracht wurde. wehe dann der armen Frau! Seine Kaffeekanne ist von Steingut, und ist er ein langsamer Trinker, so hat sie cin ordentliches Kaffeemäntelchen um, wie ein anderer Philister auch, denen diese braunen Kannen überhaupt sehr ähnich sehen. Doch ich will ihn seinen Tageslauf ad libitum führen lassen und der Philister Eigenschaften und Meinungen gedrängt anführen.

Sie nennen die Natur was in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihr Gesichtsviereck fällt. denn sie begreifen nur viereckige Sachen, alles andere ist widernatürlich und Schwärmerei. Sie begreifen das Abendmahl nicht und halten viel auf Brotstudien. –Was ist die deutsche Poesie? Die deutsche Poesie ist eine Geschicklichkeit, seine Gedankcn über eine gewisse Sache zierlich, doch dabei klug und deutlich in abgemessenen Worten und Reimen vorzubringen. Einer von ihnen hat, als er sich eine Bettstelle von Mahagoni machen ließ, gleich eine zweite dazumachen lassen, damit, wenn er etwa einmal heirate, sie gleich braun seien. -
Sic glauben, mit der Welt sei es eigentlich aus, weil es mit ihnen nie angegangen. Sie halten sich für etwas Apartes und können die Augenbrauen bis unter die Haare ziehen. Sie beläheln alles von oben herab, halten allen Scherz für Dummheit, bedauern, daß wir keine römischen Klassiker sind, und gratulieren cinander, in einer Zeit geboren zu sein, worin so vortreffliche Leute wie sie leben. -

Sie behaupten, man miüsse die Festungen übergeben, um die Häuser zu schonen, und lassen gern ewige alte Eichen umhauen, um irgendeinen Pflaumenbaum anzupflanzen. Sic glauben, die Deutschen seien kein herrliches. Volk, sie müßten von den Franzosen gebildet werden, doch schwätzen sie immer von Deutschheit, Redlichkeit, und wenn es nur erst zur Reife käme. Sie würden gar nichts gegen die Franzosen haben, wenn ihnen nur die Einquartierung nicht soviel kostete; die Engländer nennen sie Englishmen und lieben sie allein wegen der Pfund Sterling, wobei sie fragen: was schwerer sei, ein Pfund Federn oder ein Pfund Gold? -

Sie lesen sich gegenseitig langweilige Abhandlungen vor, schleppen sich mit platten Satiren und Epigrammen; maulvolle, rumpelnde Brocken, welche hinunterzuwürgen ihrer Seele blitzblau die Augen vor den Kopf treten lassen, sind ihnen erhaben. Sie rezensieren Dinge, die sie nicht verstehen, und treiben ihren Spott mit den Notformeln der Philosophen, oder sind auch imstande, selbst sich ganz lächerlich in philosophischen Rcden in die Höhe zu steifen, so daß ihre Seele hoffärtig auf andre schuldlose Naturen herabsieht wie ein gefrorner Schlafrock, der zum Trocknen im Winter aufgehängt, die kleinen Vögel verscheucht, die die Körner im Schnee des Gartens suchen. Wenn sie sich schneuzen, trompeten sie ungemein mit der Nase. Alle Begeisterten nennen sic verrücktc Schwärmer, alle Märtyrer Narren, und können nicht begreifen, warum der Herr für unsre Sünden gestorben und nicht lieber zu Apolda eine kleine nütziliche Mützenfabrik angelegt. Nie hat sie der Regen ohne Regenschirm getroffen. Sagen sie guten Abend, guten Morgen, guten Tag! wie geht's, was macht die Frau Liebste?, so denken diese Elenden nichts dabei, es fällt ihnen vom Maul, und nach Tisch wünschen sie einem wohl gespeist zu haben, wenn man gleich gehungert hat. Sic haben alle ihre Leiber in ihrer feierlichsten Stunde der Anatomie, ihre Köpfe dem Doktor Gall zur Erweiterung der Wissenschaft verschrieben und sind ungemein stolz darauf und haben sich an diesem Tage in Kottbuser Bier übernommen.
Mit dem Zustand des Theaters in Deutschland sind sie vollkommen zufrieden, und man kann sich keine bessere Idee von ihrer hoffärtigen Abgötterei gegen ihr eigenes Elend machen, als wenn man bedenkt. daß dieselben Menschen, welche nicht begreifen können, wie die Vorwelt so töricht sein konnte, dem Gottesdienste ungeheure Kirchen zu bauen, ganz damit zufrieden sind, daß durch die ganze Welt kein öffentliches Institut so unmäßig unterstützt wird als die Schauspielkunst. Nie hat ein Philister darüber geschaudert, daß man ungeheure Paläste baut, sie inwendig mit den Gaben aller Künste verziert, um dort abends noch Geld dazuzugeben, damit man bei unzähligen Kerzen, was der eben fließende gemeine Strom der Dichtung an gemeinstem poetischem F1ößholz heranschwemmt, von Menschen dargestellt zu sehn, die ebenso wie dies Holz durch allerlei Zufälle zu diesem Gewerbe zusammengeflößt und noch dafür bezahlt sind. --

Alle Künste leiden mchr oder weniger unter dem Druck der Philisterei, je nachdem sie mchr oder weniger ihrer Natur nach in ihrer Ausübung einsam oder gesellig sein können. Die Malerei, die Musik, die Dichtkunst können von einsamer Begeisterung getrieben werden, und können sich in cinzelnen Berufenen von neuem an dern Lichte des innern Himmels entzünden, und solche wandelnde Geister begrüßen uns ja oft mit
strahlendern Antlitz aus dem Getümmel des Marktes selbst heraus, wenn wir die Philistermütze nicht zu tief über die Augen gezogen; alle Künste aber, welche ihrer Natur nach gesellige sind müssen notwendig mehr als jene mit der Geschichte der Menschen erkranken und genesen. So kann ich mir denken, daß ein Volk ein treffliches Theater haben könne, ohne selbst auf der schönsten Höhe seiner historisdien Entwicklung zu stehen; in einem gesunden und wirklich lebendigen Zustande eines Staats wird es gar keinem Menschen einfallen, sdiauspielen zu wollen, ohne irgendeinen Beruf dazu zu haben und zwar ebensowenig als den andern, jenen dafür noch zu bezahlen, und so wie ein gesunder Mensch durchaus wenig an sich selbst denkt und sich auf der schwingenden Stahlfeder seiner Kraft fühlend nach herrlichern Dingen sehnt, etwa nach der Gesellschaft der Helden und Halbgötter, oder selbst einer zu sein, oder nach der andern Seite sich neigt zu kräftigem, tüchtigem, ewig komschern Mutwill der Gesundheit, so wird auch ein gesundes Volk weder scheinrührendes, süß verruchtes, in sich lügendes Zeug oder kunsttötende Wahrheit. die über Lebendige oder Leichen abgegossenen Gipsmasken gleicht, noch langweilige überhistorische, philosophierende Erhabenheiten. welche keine Erde und keinen Himmel haben, und ein Entresol des Teufels sind, mit ungemeinen Kosten schlecht vor sich darzustellen erlauben. Was kann man aber für die Bühne tun, wenn ihm Trefflichkeit so ganz nur von der besten Zeit abhängt? Und so sage ich denn mcine Meinung: Für die Schauspielkunst, so wie für jede Kunst, als eine freie, kann. man nichts tun, als nach dem Vortreffilchen überhaupt im allgemeinen streben, alle Tugend lieben und üben und kein Philister sein im Leben, das übrige ist die Sache Gottes.--

Die Philister haben nur Sinn für platte, tändelnde oder bocksteife Musik; den Beethoven halten sie für ganz verrückt. Schlechte Gemälde, zusammengewürfclte Allegorien, die Geschichte mit einern Griffel, ein paar quallstrige Engel mit Attributen, ein Stammbuchsaltar oder Tempelchen im griechischen Gartengeschmack sind ihre Bauideale. Das Unzähligc, kunstdurchdrungene Allrnächtige und doch Eine und überschwenglich Große in den Gebäuden begeisterter Christen nennen sie gotische, barbarische Ausgeburten der Geschmacklosigkeit, denn alle Sinne sind bei ihnen ins Kraut geschossen und ihre Seele sitzt ihnen zwischen Haut und Fleisch; juckt sie daher das Fell, kriegen sic Einfälle, so setzen sie Blutegel an den Hintern oder schröpfen, und sie werden wieder erträglich dumm. Der Prediger Kniebein hat einst auf dem Karfreitag die Litanei: incipit lamentatio beati jeremiae aus Bildung selbst mit der Gitarre akkompagniert, und. ich hörte einen gebildeten Juden in Dessau zur Gitarrc hebräisch ohren. Sic korrigieren in alle Bücher, die sic lesen, hinten die Druckfehler hinein. Sie schwitzen teils mehr, als, sic einatmen, teils scbwitzen sue gar nie; das ist symbolisch zu nehmen. Sic verachten alte Volksfeste und Sagen, und was an einsamer Stelle vor rnoderner Frechheit gesichert im Alter ergraut ist. Sic unterhalten sich besonders gern. von Vaterland und Patriotismus; wenn man sie aber genauer fragt, warum sie ihr Vaterland lieben, so fangen sic an, sich selbst darüber zu wundern; denn sic gestehen gern ein, daß sic ewig damit umgehen, alles, was ihr Vaterland zu einem bestimmten individuellen Lande macht, zu vernichten,und sic iabeiten dahin, daß der Kuckuck, der in fremde Nester baut das ihrige mit dem Lobe begrüße: partout comme chez nous.. Sic vernichten, wo sic können alte Sitten und Herkömmlichkeiten, sic brechen die Wappen und Schilder der Zeiten, und werfen sic denjenigen vor die Füße, denen sic die Geschichte gegeben. Alles, was kein Geschick, was der Tod selbst nicht raubt, die hieroglyphischen Fußstapfen,in welche die Geschlechter ihren Nachkommen den Baum der Liebe und Treue zu dem Flecken Landes, den sic bewohnen, vcrerben, wetzen sie aus, damit bald kein Philister mehr wisse, wo er zu Hause ist; das ist aber ihre Absicht nicht, sondern sie möchten nur die Individualität der Genialen zerstören und sie dadurch unter das Hütchen bringen, unter dem der Teufel die Welt in die Tasche spielt. Sie wollen, daß die Menschen ihren eigenen Rock lieben, und geben ihnen deswegen allen einerlei Röcke: aber ich preise den selig, der den selnen zeichnet, sei es mit einem Kreuz überm Herzen, elnem Herzen unterm Ellbogen oder einem Loch oder irgendeinem Fettfleck; nur daß es von dem Seinigen sei, daß er sich zeichne und einen Namen habe, den er ehren kann und hinterlassen den Seinigen; denn diesen Namen kaum wollen uns die Philister lassen. Arm wollen sie des Volkes Mund machen, Ihr höchster Plan, ein Land zu beglücken, ist, es in ein rein gewürfeltes Damenbrett zu verwandeln, es ist so leichter ins Kleine zu reduzieren. Die Häuser möchten sie alle weiß anstreichen und von Zeit zu Zeit anders literieren und numerieren; wic sie gerade selbst mit der Literatur fortschreiten oder nicht hinter dem Nachbarn zuriickbleiben wollen. Die Schlagbäume und Schilderhäuser aber werden gestreift, alle öffentfichen Gebde des Staats aber gewürfelt, damit jeder wisse, woran sich zu halten. Darnit aber ja keiner Lust kriege, die Flüsse zu ihrem Quell oder ihrem Ausmaß an oder ab zu geleiten, steht eine Tafel an allen Brücken, worauf ihr geographischer Lauf kürzlich beschrieben ist.

Ihre Weisheit besteht wirklich darin, alles weiß zu übertünchen, und es müssen viele alte Kirchen auf den Abbruch verkauft werden, um alle die Kreide zu bezahlen, welche die Bilderbibeln und gemalten Chroniken alter Kunst an den Häusern von Nürnberg und Augsburg bedecken sollen, die bis jetzt nur dic Jugend auf den Straßen in eitle Zerstreuung gebracht und der Frucht schwangerer Patriotirmen phantastische Träume eingeprägt, die sich genug in dem Kunststand geäußert, Womit jene Städte die Welt überschwemrnt. Alles Vorurteil muß weg, das heißt alles, was die Vor- und Urwelt geteilt oder verbunden hat. Diese Narren radieren an Gottes Namen selbst die ihnen überflüssig scheinenden Buchtaben aus) Nur zu, meme Herren Plillister! Der Teufcl wird schon durchschlagen. Ist erst alles wciß und gehörig paginiert, mcinen sie, so wird der Kunsttrieb sich rein in dem Volk entwickeln und wir werden bald die gcwisserniaßcn ersten Pestalozzischen Grundtypen aller bildenden Kunst an den Wänden,Mauern, Gartentüren und Wachstuben wieder erscheinen sehen, und zwar in den drei Grundfarben des bürgerlichen Prismas: Kohle, Rotstein undSchüttgelb.-- Es ist überhaupt nichts fataler, als einen halben zu barbieren, wern man etwas weismachen will, dem muß mar alles weismachen usw.

Wenn sie von dem Genusse einer schönen Gegend sprechen,sagen sic gern: Ich hatte meinen Horaz in der 'Tasche, habe ihn aber nie herausgezogen. Sic erzählen sich gerne ihre Jugendstreiche, die dann in der Art sind wie die des Friedensrichters Schaal in Shakespeares Heinrich dem Vierten. (Nie Sind sie berauscht gewesen, ohne zu trinken, und dann immer sehr besoffen.)Wenn sie erschrocken sind, schlagen sie sogleich ihr Wasser ab. Sic können kein ursprüngliches Dichterwerk begreifen, verspotten und parodieren es und schreiben dann dochWässerige Nacbahmungen. Sie haben dem Werther die empfindsamen Romane, dern Götz die Ritterstücke, dem Ardinghello und Meister die Künstlerromane, der Lucinde die transzendentalen Lubrica, den Schlegeln, Novalis und Tieck die glaubtraubschraubigten, honigseimleimschleimschlingenden Sonette und Kanzonen (Ganzohnen) nachfolgen lassen, und SchillersTrauerspielen die kaltjambiscben sentenziösen Schicksalsdramen, in denen das Schicksal bloß als das Wort Schicksal fünfzigmal erscheint, oder dem Helden als ein warmer Krug unter die Füße gelegt, oder gutmütigen Lesern wic die Butter obgeeldctem Hundc auf die Nase geschmiert wird, damit sie, wie der Hund trocken Brot für Butterbrot, das Flicksal für Schicksal hinunterfressen; und ich zweifle nicht, daß sic uns nächstens den Weinstein von ihren Zähnen als Tropfstein aus den Gräbern der teutschen Heldenwelt produzieren und irgendeinen steif gefrorenen Sandhasen als cinen nordischen Riesen vor unsern Augen auftauen lassen. Einen Neunaugenmann werden sie uns als einen Schlangenwürger, und eine Mißgeburt, die hinten ein Pudel und vorn ein Mensch ist, als ägyptische Sphinx vorführen; es sci nun, daß sic zu der romantischen oder-klassischcn Philisterfahne geschworen.

Ich wende mich zum Schlusse und füge noch hinzu, daß die Philister eine ungemeine Neugierde haben, daß sie gern in allen Ressourcen und geheimen Gesellschaften und Tischgesellschaften aufgenommen wären, weil sie in ihrem leeren Kopfe sich selbst vis-á-vis ihres eignen Nichts befinden, daß sie jeden tüchtig und edel ausgesprochenen geselligen Sinn, jeden parodischen Scherz, kurz alles, was das Gepräge der Idec trägt, für Mystik, worunter sie Gott weiß was verstehen (in Altstädt ist es Scblüsselblumenchampagner), für Jesuitismus oder Illuminatismus halten.

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