AUS DER ROMANTISCHEN ZEIT
Joseph von Eichendorff
DIE GUTE ALTE ZEIT
Sehr alte Leute wissen sich wohl noch einigerma§en der sogenannten
guten alten Zeit zu erinnern. Sie war aber eigentlich weder gut noch alt,
sondern nur noch eine Karikatur des alten Guten. Das Schwert war zum Galanteriedegen,
der Helm zur Kopfperücke, aus dem Burgherrn ein pensionierter Husarenoberst
geworden, der auf seinem öden Landsitz, yon welchem seine Vorfahren einst
den vorüberziehenden Kauffahrer gebrandschatzt hatten, nun seinerseits
von den Industriellen belagert und immer enger eingeschlossen wurde. Es war
mit einem Wort die mürb und müde gewordene Ritterzeit, die sich
puderte, um den bedeutenden Schimmel der Haare zu verkleiden; einem alten
Gecken vergleichbar, der noch immer selbstzufrieden die Schönen umtänzelt.
und nicht begreifen kann und höchst empfindlich darüber ist, daß
ihn die Welt nicht mehr für jung halten will. Der Adel in seiner bisherigen
Gestalt war ganz und gar ein mittelalterliches Institut. Er stand durchaus
auf der Lehenseinrichtung, wo, wie ein Planetensystem, die Zentralsonne des
Kaisertums von den Fürsten und Grafen und diese wiederum von ihren Monden
und Trabanten umkreist wurden. Die wechselseitige religiöse Treue zwischen
Vasall und Lehensherrn war die bewegende Seele aller damaligen Weltbegebenheiten
und auch die welthistorische Macht und Bedeutung des Adels. Aber der Dreißigjährige
Krieg, diese große Tragödie des Mittelalters, hatte den letztern,
der ohnedem schon längst an menschlicher Altersschwäche litt, vöIlig
gebrochen und beschlossen. Indem er die Idee des Kaisers, wenigstens faktisch,
aus der Mitte nahm oder doch wesentlich verschob, mußte notwendig der
ganze starkgegliederte Bau aus seinen Fugen weichen. Die Stelle der idealen
Treue wurde sofort von der materiellen Geldkraft eingenommen; mächtigeren
Vasallen kauften Landsknechte und wurden Raubritter im großen; die Kleinern,
die in der allgemeinen Verwirrung oft selbst nicht mehr wußten, wem
sie verpflichtet, folgten dem größeren Glücke oder besserem
Solde. Und als endlich die Wogen sich wieder verlaufen, bemerkte der erstaunte
Adel zu spät, daß er sich selbst aus dem großen Staatsverband
heraus auf den ewig beweglichen Triebsand gesetzt hatte: aus dem freie Lehnsadel
war unversehens ein Dienstadel geworden, der zu Hofe ging oder bei den stehenden
Heeren sich einschreiben ließ.
ZOPF-RITTER, KAVALIERE UND JUNKER
So war denn namentlich auch die Ritterlichkeit zuletzt fast ausschließlich
an die modernen Offizierskorps gekommen. Auf diese warf zwar der Siebenjährige
Krieg noch einmal einen wunderbaren Glanz, Ruhmbegier, kecke Lust am Abenteuer,
Tapferkeit, aufopfernde Treue und manche der anderen Tugenden, die das Mittelalter
groß gemacht, schienen von neuem aufzuleben. Allein es war kein in sich
geschlossenes Rittertum im alten Sinne mehr, sondern nur das Aufleuchten einzelner
bedeutender Persönlichkeiten, die eben deshalb wohl ihre Namen, nicht
aber den Geist des Ganzen unsterblich machen konnten. Auch hier gibt schon
das Kostüm, das niemals wirklich oder
zufällig
ist, ein charakteristisches Signalement dieses neuen Ritters. Die Eisenrüstung
war ihm allmählich zum Küraß, der Küraß zum bloßen
Brustharnisch und dieser endlich gar zu einem handbreiten Blechschildchen
zusammengeschrumpft, das er gleichsam zum Andenken an die entschwundene Rüstung
dicht unter dem Halse trug, die Rechte, der die Manschette nicht fehlen durfte,
ruhte auf einem stattlichen spanischen Rohr, das
gepuderte
Haupt, umschwebten zu beiden Seiten, anstatt der alten Geierflügel, zwei
aufgerollte Locken und der Zopf, der hing ihm hinten. Ein Ritter mit dem Zopf
ist aber durchaus eine undenkbare Mißgeburt, was die armen Bildhauer,
welche die Helden des Siebenjährigen Krieges darstellen sollen, am schmerzlichsten
empfinden, Und dieser fatale Zopf war in der Tat das mystische Symbol der
verwandelten Zeit: alles Naturwüchsige, als störend und abgemacht,
hinter sich geworfen und mumienhaft zusammengewickelt, bedeutete er zugleich
den Stock, die damalige Zentripetalkraft der Heere.
Die jungen Kavaliere jener Zeit dienten in der Regel nicht, um einen Krieg,
sondern um einen galanten Feldzug gegen die Damen so lange mitzumachen, bis sie die Verwaltung ihrer Güter
antreten konnten, oder, wenn sie keine hatten, bis sie mit
der
glänzenden Uniform eine Schöne oder auch Häßliche erobert, die ihre vielen Schulden zu bezahlen bereit und imstande war.
Vom Ritterwesen hatten sie einige verworrene Reminiszenzen ererbt und auf
ihre Weise sich zurecht gemacht: vom ehemaligen Frauendienst die fade Liebelei,
von der altdeutschen Ehre einen französischen point d'honneur, vom strengen
Lehnsverbande einen kapriziösen Esprit de corps, der nur selten über
den ordinärsten Standesegoismus hinausreichte. Es war die hohe Schule
des Junkertums, an die selbst Fouqués Rccken mit ihren Gardereiterpositionen
und ausbündig galanten Redensarten noch zuweilen erinnern.
ALTDEUTSCHE IDYLLEN, BÄLLE UND
JAGDEN
Der Adel überhaupt aber zerfiel damals in drei
sehr verschiedene Hauptrichtungen. Die zahlreichste, gesündeste und bei
weitem ergötzlichste Gruppe bildeten die von den großen Städten
abgelegenen kleineren Grundbesitzer in ihrer fast insularischen Abgeschiedenheit,
von der man sich heutzutage, wo Chausseen und Eisenbahnen Menschen und Länder
zuammengerückt haben und zahllose Journale, wie Schmetterlinge den Blütenstaub
der Zivilisation in alle Welt vertragen, kaum mehr eine deutliche Vorstellung
machen kann. Die fernen blauen Berge über den Waldeswipfeln waren damals
wirklich ein unerreichbarer Gegenstand der Sehnsucht und Neugier, das Leben
der großen Welt, von der wohl zuweilen die Zeitungen Nachrichten brachten,
erschien wie ein wunderbares Märchen. Die große Einförmigkeit
wurde nur durch häufige Jagden, die gowöhnlich mit ungehuerem Lärm,
Freudenschüssen undabenteuerlichen Jägerlügen endigten, sowie
durch die unvermeidlichen Fahrten , zum Jahrmarkt der nächsten Landstadt
unterbrochen. Die letzteren insbesondere waren seltsam genug und konnten sich
jetzt wohl in einem Karnevalszuge mit Glück sehen lassen. Voraus fuhren
die Damen im besten Sonntagsstaate, bei den schlechten Wegen nicht ohne Lebensgefahr,
unter ständigem Peitschenknall in einer meist mit vier starken Rappen
bespannten altmodischen Karosse, die, über dem unförmlichen Balkengestell
in ledernen Riemen hängend, bedenklich hin und her schwankte. Die Herren
dagegen folgten auf einer sogenannten Wurst", einem langen gepolsterten
Koffer, auf welchem diese Haimonskinder dicht hintereinander und einer dem
andern auf den Kopf sehend, rittlings balancierten.
Am liebenswürdigsten aber waren sie unstreitig auf ihren Winterbällen,
welche die Nachbarn auf ihren verschneiten Landsitzen wechselweise einander
ausrichteten, Hier zeigte es sich, wie wenig
Apparat zur Lust gehört, die überall am liebsten improvisiert sein
will und jetzt so häufig von lauter Anstalten dazu erdrückt wird.
Das größte, schnell ausgeräumte Wohnzimmer mit oft bedrohlich
elastischem Fußboden stellte den Saal vor, der Schulmeister mit seiner
Bande das Orchester, wenige Lichter in den verschiedenartigsten Leuchtern
warfen eine ungewisse Dämmrung in die entfernteren Winkel umher und über
die Gruppe von Verwalter- und Jägerfrauen, die in der offenen Nebentüre
Kopf an Kopf dem Tanze der „Herrschaften" ehrerbietig zusahen.
Desto strahlender aber leuchteten die frischen Augen der vergnügten Landfräuleins,
die beständig untereinander etwas zu flüstern, zu lachen und zu
necken hatten. Ihre unschuldige Koketterie wußte nocb nichts von jener
fatalen Prüderie, die immer nur ein Symptom von sittlicher Befangenheit
ist. Man konnte sich füglich mit jungen Kätzchen vergleichen, die
sorglos in wilden und doch graziös anmutigen Sprüngen und Windungen
im Sonnenschein spielen. Denn hübsch waren sie meist, bis auf wenige
dunkelrote Exemplare, die in ihrem knappen Festkleide, wie Päonien, von
allzu massiver Gesundheit strotzten. - Der Ball wurde jenerzeit noch mit dem
herkömmlichen Initialschörkel eines ziemlich ungeschickt ausgeführten
Menuetts eröffnet und, gleichsam parodisch, mit dem geraden Gegenteil,
dem tollen „Kehraus" beschlossen. Ein besonders gut geschultes
Paar gab wohl auch, von einem Kreise bewundernder Zuschauer umringt, den "Kosakischen"
zum besten, wo nur ein Herr und eine Dame ohne alle Touren, sie in heiter
zierlichen Bewegungen, er mit grotesker Kühnheit abwechselnd gegeneinander
tanzten. Überhaupt wurde damals weil mit Leib und Seele, noch mit einer
gewissen Aufopferung und Kunstbeflissenheit getanzt, gegen die das heutige
vornehme nachlässige Schlendern ein ermüdendes Bild allgemeiner
Blasiertheit darbietet. Dabei schwirrten die Geigen und schmetterten die Trompeten
und klirrten unaufhörlich die Gläser im Nebengemach, ja zuweilen,
wenn der Punsch stark genug gewesen, stürzten selbst die alten Herren,
zum sichtbaren Verdruß threr Ehefrauen, sich mit forcierter Gelenkigkcit
mit in den Tanz; es war eine wahrhaft ansteckende Lustigkeit. Und zuletzt
dann noch auf der nächtlichen Heimfahrt durch die gespensterhafte Stille
der Winterlandschaft unter dem klaren Sternenhimmel das selige Nachträumen
der schönen Kinder,
Die Glücklichen hausten mit genügsamem Behagen großenteils
in ganz unanschnlichen Häusern (unvermeidlich „Schlösser“
geheißen), die selbst in der reizendsten Gegend nicht etwa nach ästhetischem
Bedürfnis schöner Fernsichten angelegt waren, sondern um aus allen
Fenstern Ställe und Scheunen bequem überschauen zu können.
Denn ein guter Ökonom war das Ideal der Herren, der Ruf einer „Kernwirtin"
der Stolz der Dame. Sie hatten wcder Zeit noch Sinn für die Schönheit
der Natur, sic waren selbst noch Naturproduktc. Das bißchen Poesie des
Lebens war als nützloser Luxus lediglich den jungen Töchtern überlassen,
die denn auch nicht verfehlten, in den wenigen müssigen Stunden längst
veraltete Arien und Sonaten auf einem schlechten Klavier zu klimpern und den
hinter dem Hause gelegenen Obst- und Gemüsegarten mit auserlesenen Blumenbeeten
zu schmücken. Gleich mit Tagesanbruch entstand ein gewaltiges Rumoren
in Hans und Hof, vor dem der erschrockene Fremde, um nicht etwa umgerannt
zu werden, eilig in den Garten zu flüchten suchte, Da flogen überall
die Türen lärmend auf und zu, da wurde unter Gezänk und vergeblichen
Rufen gefegt, gemolken, gebuttert, die Schwalben, als ob sie bei der Witschaft
mit beteiligt wären, kreuzten jubelnd über dem Gewirr, und durch
die öffnen Fenster schien die Morgensonne heiter durchs ganze Haus über
die vergilbten Familienbilder und Messingbeschläge der alten Möbel,
die jetzt als Rokoko wieder für jung gelten würden. An schönen
Sommernacbmittagen aber kam häufig Besuch aus der Nachbarschaft. Nach
geräuschvollen Empfangskomplikationen und höflichen Fragen nach
dem „werten Befinden" ließ man sich dann gewöhnlich
in der desolaten Gartenlaube nieder, auf deren Schindeldache der bunt übermalte
hölzerne Cupido bereits Pfeil und Bogen eingebüßt hatte. Hier
wurde mit hergebrachten Späßen und Neckereien gegen die Damen zu
Felde gezogen, wurde viel Kaffee getrunken, sehr viel Tabak verraucht und
dabei von den Getreidepreisen, von dem zu vcrhoffenden Erntewetter, von Prozessen
und schweren Abgaben verhandelt, während die ungezogenen kleinen Schloßjunker
auf dem Kirschbaum saßen und mit den Kernen nach ihren gelangweilten
Schwestern feuerten, die über den Gartenzaun ins Land schauten, ob nicht
der Federbusch eines insgeheim erwarteten Reiteroffiziers der nahen Garnison
aus dem fernen Grün emportauche. Und dazwischen tönte vom Hofe herüber
immerfort der Lärm der Sperlinge, die sich in der Linde tummelten, das
Gollern der Truthähne, der einförmige Takt der Drescher und all
jene wunderliche Musik des ländlichen Stillebens, die den Landbürtigen
in der Fremde, wie Alphorn den Schweizer, oft unvermutet in Heimweh versenkt.
In den Tälern unten aber schlugen die Kornfelder leise Wogen, überall
eine fast unheimlich schwüle Gewitterstille, und niemand merkte oder
beachtete es, da das Wetter von Westen bereits aufstieg und einzelne Blitze
schon über dem dunklen Waldeskranze prophetisch hin und her zuckten.
Man sieht, das Ganze war ein etwas ins Derbe gefertigtes Idyl1, nicht von
Geßner, sondern etwa wie das „Nußkernen" vom Maler
Müller. Da fehlte es nicht an manchem höchst ergötzlichen Junker
Tobias oder junker Christoph von Bleichenwang, aber ebensowenig auch an tüchtigen
Charakteren und patriarchalischen Zügen. Denn diese Edelleute standen.
in der Bildng nur wenig über ihren „Untertanen", sie verstanden
daher noch das Volk und wurden vom Volke wieder begriffen. Es. war zugleich
der eigentliche Tummelplatz der jetzt völlig ausgetorbenen Originale,
jener halb eigensinnigen, halb humoristischen Ausnahmenaturen, die den stagnierenden
Strom des alltäglichen Philisteriums mit großem Geräusch in
Bewegung setzten, indem, sie, gleich wilden Hummeln, das konventionelle Spinnengewebe
beständig durchbrachen. Unter ihnen sah man noch häufig bramarbasierendc
Haudegen des Siebenjährigen Krieges und wieder andere, die mit einer
unnachahmlich lächerlichen Manneswürde von einer gewissen Biderbigkeit
Profession machten. Die Fruchtbarsten in diesem Genre aber waren die sogenannten
"Krippenreiter", ganz verarmte und verkommene Edelleute, die, wie
die alten Schalksnarren, von Schloß zu Schloß ritten und, als
Erholung von dem ewigen Einerlei, überall willkommen waren. Sie waren
zugleich Urheber und Zielscheibe der tollsten Schwänke, Maskeraden und
Mystifikationen, denn sie hatten, wie Falstaff, die Gabe, nicht nur selbst
witzig zu sein, sondern auch bei anderen Witz zu erzeugen.
Unser deutscher Lafontaine ist, bei aller sentimentalen
Abschwächung, nicht ohne einige historische Bedeutung, indem er uns oft
einen recht anschaulichen Prospekt in jene gute alte Zeit eröffnet, deren
adeliger Zopf sich noch fühlbar, durch alle seine Romane hindurchzieht.
PARADEGARTEN, REIFRÖCKE UND PERÜCKEN
In der zweiten Reihe des Adels dagegen
standen die Exklusiven, Priätentiösen, die sich und andere mit übermäßigem
Anstande langweilten. Sie verachteten die erstere Gruppe und wurden
von dieser ebenso gründlich verachtet; beides sehr natürlich,
denn diese hatten die frischere Lebenskraft, die jene als plebejisches
Krautjunkertum bemitleideten, die Exklusiven aber eine zeitgemäßere
Bildung voraus, welche von ersteren nicht verstanden oder als affektierte
Vornehmtuerei zuriückgewiesen
wurde. Bei diesen Vornehmen war nun die ganze Szenerie eine andere.
Sie bewohnten wirkliche Schlösser. Der Wirtschaftshof, dessen gerneine
Atmosphäre
besonders den Damen ganz unerträglich schien, war in möglichste
Ferne zurückgeschoben, der Garten trat unmittelbar in den Vordergrund.
Und diese Gärten müssen wir uns hier notwendig etwas genauer
ansehen. Denn diese Adelsklasse, wie bereits erwähnt, ambitionierte
sich durchaus, mit der Zeitbildung fortzuschreiten; und obgleich
sie in der Regel nichts weniger als Literaten waren, so konnten
sie doch nicht umhin, den Geist der jedesmaligen Literatur wenigstens äußerlich,
als Mode, in ihrem Luxus abzuspiegeln. Die Gartenkunst aber, wie
alle Künste untereinander,
hängt mit den wechselnden Phasen namentlich der eben herrschenden
poetischcn Literatur jederzeit wesentlich zusammen.
Es ist leider hinreichend bekannt, daß wir einst das große poetische
Pensum, das uns der Himmel aufgegeben, ungeschickterweise vergessen hatten
und daher zu gerechter Strafe lange Zeit in der französischen Schule
nachsitzen mußten, wo die Muse, sie mochte nun mutwillig oder tragisch
sein, nur in Schnürleib und Reifrock erscheinen durfte. Und der abgemessenen
Architektonik dieser Schule entspricht denn auch zunächst der feierliche
Kurialstil unserer damaligen geradlinigen Ziergärten:
Es glänzt der Tulpenflor, durchschnitten von Alleen,
Wo zwischcn Taxus still die weißen Statuen stehen,
Mit goldnen Kugeln spielt die Wasserkunst im Becken,
Im Laube lauert Sphinx, anmutig zu erschrecken.
Die schöne Chloe da spazieret in dem Garten,
Zur Seit' ein Kavalier, ihr höflich aufzuwarten,
Und hinter ihnen leis Cupido kommtt gezogen,
Bald duckend sich im Grün, bald zielend mit dem Bogen.
Es neigt der Kavalier sich in galantem Kosen,
Mit ihrem Fächer schlägt sie manchmal nach dem Losen,
Es rauscht der taftne Rock, es blitzen seine Schnallen,
Dazwischen hört man oft ein artig Lachen schallen.
Jetzt aber hebt vom Schloß, da sich's im West will röten,
Die Spieluhr schmachtend an, ein Menuett zu flöten,
Die Laube ist so still, er wirft sein Tuch zur Erde
Und stürzet auf ein Knie mit zärtlicher Gebärde.
„Wie wird mir, ach, ach, ach, es fängt schon an zu dunkeln------“
„So angenehmer nur seh ich zwei Sterne funkeln -'“
.“Verwegner Kavalier!" - Ha, Chloe, darf ich hoffen----?“
Da schießt Cupido los und hat sie gut getroffen.
So ungefähr sind uns diese, ganz bezeichnend französisch benannten,
Lust- und Ziergärten jederzeit vorgekommen. Wir konnten uns dieselben
niemals ohne solche Staffage, these Chloes und galanten Kavaliere nicht ohne
solchen Garten denken, und insofern hatten die Paradegärten allerdings
ihre vollkommene Berechtigung, Sie sollten eben nur eine Fortsetzung und Erweiterung
des Konversationssalons vorstellen. Daher mußte die zudringlich störende
Natur durch hohe Laubwände und Bogengänge in einer gewissen ehrerbietigen
Form gehalten werden, daher mußten Götterbilder in Allongeperücken
überall an den Salon und die französische Antike erinnern, und es
ist nicht zu leugnen, daß in dieser exklusiven Einsamkeit, wo anstatt
der gemeinen Waldvögel nur der Pfau courfähig war, die einzigen
Naturlaute: die Tag und Nacht einförmig fortrauschenden Wasserkünste,
einen um so gewaltigeren, fast tragischen Eindruck machten. Allein solche
wesentlich architektonischen Effekte sind immer nur durch große würdige
Dimensionen erreichbar, wozu es bei den deutschen Landschlössern gewöhnlich
an Raum und Mitteln fehlte. Überdies war das Ganze im Grunde nichts weniger
als national, sondern nur eine Nachahmung der Versailler Gartenpracht, jede
Nachahmung aber, weil sie doch immer etwas Neues und Apartes aufweisen will,
gerät unfehlbar in das Übertreiben und Überbieten des Vorbildes.
Und so erblicken wir denn auch hier, besonders von Holland her, sehr bald
die Mosaikbeete von bunten Scherben, die Pyramiden und abgeschmackten Tiergestalten
von Buchsbaum, die vielen schlechten. zum Teil hölzernen Götterbilder,
mit einem Wort: die Karikatur; und auf diesen Plätzen promenierte
der alte Gottsched als Prinz Rokoko mit scinem Gefolge.
KOSMOPOLITISMUS, DKORATION UND DILETTANTISMUS
Aber dem feierlichen Professor trat fast
schon auf die Ferse die bekannte literarische Rebellion gegen das
französische
Regime, zum Teil durch Franzosen selbst. Rousseau, Diderot, Lessing,
jeder in seiner Art, vindizierten der Natur wieder ihr angehorenes Recht.
Da brach auf einmal auch das Prachtgrüste
jener alten Gärten zusammen, die lang abgesperrte Wildnis kletterte
hurtig von allen Seiten über die Buchswände und Scherbenbeete
herein, die Natur selbst war ihnen noch nicht natürlich genug, man
wollte womöglich
bis in den Urwald zurück, und ein wüstes Gehölz mit wenigen
Blumen und vielen ärgerlichen Schlangenpfaden, auf denen man nicht
vom Fleck und zum Ziele gelangen konnte, mußte den neuen Park bedeuten.
Dazu kam noch die in Deutschland unsterbliche Sentimentalität, in
beständigem
Handgemenge mit dem Terrorismus einer groben Vaterländerei, Lafontaine
und Iffland gegen Spieß und Cramer, und über alle hinweg schritt
der stolze, kein Vaterland anerkennende Kosmopolitismus. Und sofort finden
wir denn dieselbe Anarchie auch in dem neuen Garten wieder: idyllische
Hütten
und Tränenurnen für imaginäre Tote neben schauerlichen Burgruinen,
Heiligenkapellen neben japanischen Tempeln und chinesischen Kiosks; und
damit in der totalen Konfusion doch jeder wisse, wie und was er eigentlich
zu empfinden habe, wurden an den Bäumen als gefühlvolle Wegweiser
Tafeln mit Sprüchen und sogenannten schönen Stellen aus Dichtern
und Philosophen ausgehängt- - jeder wahre Garten aber ist von seiner
eigentümlichen
Lage und Umgebung bedingt, er muß ein schönes Inividuum sein,
und kann also nur einmal existieren.
Und eben dies war auch das Geschick oder vielmehr Uneschick der damaligen
Bewohner jener Schlösser. Sic waren, wie ihre Gärten. nicht eigentümlich
ausgeprägte lndividuen, hatten auch keine Nationalgesichter. sondern
nur eine ganz allgemeinc Staatsphysiognomie; überall bis zur tödlichen
Langweiligkeit dieselbe Courtoisie, dieselben banalen Redensarten, Liebhabereien
und Abneigungen. Sie waren die Akteurs der großen Weltbühne, die
nicht den Zeitgeist machten, sondern den Zeitgeist spielten ; das Dekorationswesen
der Repräsentation war daber ihr eigentliches Fach und Studium, und bühnengerecht
zu sein ihr Stolz. Die alten Kavaliere nebst Haarbeutel und Stahldegen waren
nun freilich von der Bahne verschwunden, die neuen hatten aber von ihnen die
pedantische KuItur des Anstandes als heiligstes Familienerbstück iiberkommen.
Allein der an sich löbliche Anstand ist doch nur der Schein dessen, was
er eigentlich bedeuten soll, und so ging ihnen denn auch ihr Dasein lediglich
in einer traditionellen Ästhetik des Lebens auf. Ihre Ställe verwandelten
sich in Prachttempel, wo mit schönen Pferden und glänzenden Schweizer
Kühen fast abgöttischer Kultus getrieben wurde, im Innern des Schlosses
schillerte ein blendender Dilettantismu in allen Künsten und Farben,
die Fräuleins musizierten, malten oder spielten mit theatralischer Grazie
Federball, die Hausfrau fütterte seltene Hühner und Tauben oder
zupfte Goldborten, und alle taten elgentlich gar nichts. Sie hatten sich gleichsam
die Prosa des Lebensdramas in ein prächtiges Metrum transferiert, und
das ist ihre große negative Bedeutsamkeit, daß sie dadurch allerdings
langehin das absolut Gemeine und Rohe unterdrückten und abwehrten.
Aber Metrik ist noch keine Poesie, und den Gehalt des Lebens konnten sie
dadurch nicht veredeln.
VERSCHWENDER, GENIESSER UND ABENTEURER
Die dritte und bei
weitem brillanteste Gruppe endlich war die Extreme. Hier figurierten
die ganz gedankenlosen Verschwender, jene „im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Kavaliere“ welche
zugleich den Zug frivoler Libertinage repräsentierten, der sich wie eine
narkotische Liane durch die damalige Literatur schlang. Zu diesem Berufe wurden
die jungen Herren schon frühzeitig mit der sogenannten „guten Konduite"
ausgerüstet, d. h. sie mußten bei meist sehr zweideutigen und abenteuernden
Strolchen tanzen, fechten, reiten und französisch sprechen lernen. Die
Eltern hatten vor lauter feiner Lebensart und gesellschaftlichen Pflichten
weder Zeit noch Lust, sich um die langweilige Pädagogik zu kümmern,
die eigentliche Erziehung war vielmehr gewöhnlich gewissenlosen oder
unwissenden Ausländern von armer und geringer „Extraktion"
überlassen, die natürlich von ihren vornehmen Zöglingen in
aller Weise düpiert wurden. Eine Anekdote aus dem Leben mag vielleicht
am anschaulichsten andeuten, wie cavaliérement sich dieses Verhältnis
oft gestaltete. Einer dieser Jünglinge hatte einen zwar gewissenhaften,
aber sehr pedantischen Mentor, der wohl nicht ohne Grund nächtliche Ausflüge
argwohnen mochte und daher, wenn er nachts im Garten eine ungewöhnliche
Bewegung wahrnahm, jedesmal sich vorsichtig zum Fenster hinauszulehnen pflegte,
um seinen Zögling zu belauern. Das war dem letztern schon längst
störend und verdrießlich gewesen, er machte daher einmal in seinem
nächtlichen Versteck absichtlich ein verdächtiges Geräusch.
Kaum aber hatte der Mentor den Kopf wieder aus dem Fenster gesteckt, als zwei
unten bereitstehende, als Spukgeister vermummte Lakaien ihm ihrer Instruktion
gemäß einen hölzernen Bogen über den Nacken warfen und
den Erschrockenen damit am Fensterbrett festklemmten, während ein dritter
ihm, zum großen Ergötzen der Schalke, mit einem langen Pinsel
das ganze Gesicht einseifte.
Nach dergleichen Studien wurden dann die „jungen Herrschaften"
mit ihrem automaten Hofmeister auf Reisen geschickt, um insbesondere auf der
Hohen Schule zu Paris sich in der Praxis der Galanterie zu vervollkommnen.
Da sie jedoch, bei Strafe der sozialen Exkommunikation, nirgend mit dem Volke,
sondern wieder nur in den Kreisen von ihresgleichen verkehren durften, die
sich damals überall zum Erschrecken ähnlich sahen, so ist es leicht
begreiflich, daß sie auf allen ihren Fahrten nichts erfuhren und lernten,
und regelmäßig ziemlich blasiert zurückkehrten. Und ebenso
natürlich machten sie nun zu Hause, um nur die unerträgliche Langeweile
loszuwerden, die verzweifeltsten Anstrengungen, fuhren mit Heiducken, Läufern
und Kammerhusaren zum Besuch, rissen ihre alten Schlösser ein und bauten
sich lustig-moderne Trianons. Allein das forcierte Lustspiel nahm gewöhnlich
ein tragisches Ende, dem kurzen Rausche folgte der moralische und finanzielle
Katzenjammer. So ein Lebenslauf verpuffte rasch wie ein prächtiges Feuerwerk
mit Geprassel, leuchtenden Raketen und sprühenden Feuerrädern, bis
zuletzt plötzlich nur noch die halbverbrannten dunklen Gerüste dastanden;
und das verblüffte Volk rieb sich die Blendung aus den Augen und lachte
auseinanderlaufend über den närrischen Spaß, -- Der Spaß
hatte jedoch auch seine sehr ernste Kehrseite, und gerade these Gruppe hat
dem Adel am empfindlichsten geschadet, wie denn überall liebenswurdiger
Leichtsinn und Unverstand gefährlicher ist als abstoßende Bosheit.
Denn sie waren es vorzüglich, die nicht nur ihren eigenen Stand in schlimmen
Ruf brachten, sondern auch in den unteren Schichten der Gesellschaft, die
damals noch gläubig und bewundernd um Adel aufblickten, die Seuche der
Glanz- und Genußsucht verbreiteten. Sie haben zuerst die schöne
Pietät des von Generation zu Generation fortgeerbten Grundbesitzes untergraben,
indem sit denselben in ihrer beständigen Geldnot durch verweifelte Güterspekulation
zur gemeinen Ware machten. Und so legten sie unwillkürlich mit ihrem
eignen Erbe den Goldgrund zu der von ihnen höchst verachteten Geldaristokratie,
die sie verschlang und ihre Trianons in Fabriken verwandelte.
So ungefähr standen die Sachen in den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts.
Es brütete, wie schon gesagt, eine unheimliche Gewitterluft über
dem ganzen Lande, jeder fühlte, daß irgend etwas Großes im
Anzuge sei, ein unausgesprochenes Erwarten, man wußte nicht von was,
hatte mehr oder minder alle Gemüter beschlichen. In dieser Schwüle
erschienen, wie immer vor nahenden Katastrophen, seltsame Gestalten und unerhörte
Abenteurer, wie der Graf St. Germain, Cagliostro u. a. , gleichsam als Emissäre
der Zukunft. Die ungewisse Unruhe, da sie nach außen nichts zu tun und
zu bilden fand, fraß immmer weiter und tiefer nach innen; es kamen die
Rosenkreuzer, die Illuminaten, man improvisierte allerlei private Geheimbünde
für Beglückung und Erziehung der Menschheit, albern und kindisch,
aber als Symptome der Zeit von prophetischer Vorbedeutung. Denn der Boden
war längst von heimlichen Minen, welche die Vergangenheit und Gegenwart
in die Luft sprengen sollten, gründlich unterwühlt, man hörte
überall ein spukhaftes unterirdisches Hämmern und Klopfen. darüber
aber wuchs noch lustig der Rasen, auf dem die fetten Herden ruhig weideten.
Vorsichtige Grübler wollten zwar schon manchmal gelinde Erdstöße
verspürt haben, ja die Kirchen bekamen hin und wieder bedenkliche Risse,
allein die Nachbarn, da ihre Häuser und Krämerbuden noch ganz unversehrt
standen, lachten darüber,den guten Leuten im „Faust" vergleichbar,
die beim Glase Bier vom fernen Kriege, weit draußen in der Türkei,
bebaglich diskurrieren.
REVOLUTION; BÜRGERTUM UND ADEL
Man kann sich daher
heutzutage schwer noch einen Begriff machen von dem Schreck und
der ungeheuren Verwirrung, die der P1ötzliche
Knalleffekt durch das ganze Philisterium verbreitete, als nun die Mine in
Frankreich wirklich explodierte. Die Landjunker wollten gleich aus der Haut
fahrcn und den Pariser Drachen ohne Barmherzigkcit spießen und hängen.
Die Prätentiösen lächelten vornehm und ungläubig und ignorierten
den impertinenten Pöbelversuch, Weltgeschichte machen zu wollen; ja es
galt eine geraume Zeit unter ihnen für plebejisch, nur davon zu sprechen.
Die Extremen dagegen, die ohnedem zu Hause damals nicht viel mehr zu verlieren
hatten, erfaßten, die Revolution als ein ganz neues und höchst
pikantes Amüsement und stürzten sich häufig kopfüber in
den flammenden Krater. - Es ist überhaupt ein Irrtum, wenn man den Adel
jener Zeit als die ausschließlich konservative Partei bezeichnen will.
Er hatte, wie wir gesehen, damals nur noch ein schwaches Geffühl und
Bewußtsein seiner ursprünglichen Bedeutung und Bestimmung, ieigentlich
nur noch cine vage Tradition zufälligcr ußerlidikeiten und folglich
selbst keinen richtigen Glauben mehr daran. Überdies war das Neue in
Deutschland noch keineswegs bis zum Volke gedrungen, es war lediglich eine
Geheimwissenschaft der sogenannten gebildeten Klassen, und daher häufig
von Adeligen vertreten. Unter ihnen bcfanden sich viele ernste und hochgestimmte
Naturen, die überall zuletzt den Ausschlag geben; aber grade diese, da
sie die Unrettbarkeit des Alten einsahen, waren dem Neuen zugewandt. Und diese
hatten den schlimmsten Stand. Den Landjunkern waren sie zu gelehrt und durchaus
unverständlich, den Prätentiösen zu bürgerlich, den Extremen
zu schulmeisterlich; sie wurden von allen ihren Standesgenossen als Renegaten
desavouiert, was sie denn freilich in gewissem Sinne auch wirklich waren.
Aus diesen Sonderbündlern sind später, als die
Revolution zur Tat geworden, einige höchst denkwürdige Charaktere
hervorgegangen.
Wenn auf den unwirtbaren Eisgipfeln der
Theorie die Lawine fertig und gehorig untcrwaschen ist, so reicht der Flug
eines Vogels, der Schall eines Wortes hin, um, Felsen und Wälder entwurzelnd,
das Land zu verschütten; und dieses Wort hieß: Freiheit und Gleichheit.
Das Alte war in der allgerneinen Meinung an einmal zertrümmert, der goldene
Faden aus der Vergangenheit gewaltsam abgerissen. Aber unter Trümmern
kann niemand wohnen, es mußte notwendig auf anderen Fundamenten neu
gebaut werden, und von da ab begann das verzweifelte Experimentieren der vermeintlichen
Staatskünstler, das noch his heut die Gesellschaft in beständiger
fieberhafter Bewegung erhält. Es wiederholte sich abermals der uralte
Bau des Babylonischen Turmes mit seiner ungeheuren Sprachenverwirrung und
die Menschheit ging fortan in die verschiedenen Stämme der Konservativen,
Liberalen und Radikalen auseinder. Es waren aber vorerst eigentlich nur die
Leidenschaften, die unter der Maske der Philosophie, Humanität oder sogenannten
Untertanentreue, auf Tod und Leben gegeneinander kämpften; denn die ldeen
waren plötzlich Fleisch geworden und wußten sich in dem ungeschlachten
Leibe durchaus noch nicht zurechtzufinden.
Fassen wir jedoch diesen Kampf der entfesselten und
gärenden Elemente
schärfer ins Auge, so bemerken wir den der Rcligion gegen die Freigeisterei,
als das eigentlich bewegende Grundprinzip, offenbar im Vordertreffen, denn
die Veränderungen der religiösen Weltansicht machen überall
die Geschichte. Hier aber war der Kampf zunächst ein sehr ungleicher.
Der kleine Landadel trieb großenteils die Religion nur noch wie löbliches
Handwerk und blamierte sich damit nicht wenig vor den weitausgreifenden Fortschrittsmännern.
Die vermeintlich gebildeteren Adelsklassen dagegen, denen die Lächerlichkeit
jederzeit als die unverzeihlichste Todssünde erschien, hatten, schon
längst mit den freigeisterischen französischen Autoren heimlich
fraternisierend, die neue Aufklärung als notwendige Mode- und Anstandssache,
gleichsam als moderne Gasbeleuchtung ihrer Salons, stillschweigend bei sich
aufgenommen und erschraken jetzt zu spät vor den ganz unanständigen
Konsequenzen, da ihre Franzosen plötzlich Gott abschafften und die nackte
Vernunft leibhaftig auf den Altar stellten. Wie aber sollen sie so halbherzig
und nachdem sie die rechte Waffe selbst aus der Hand gegeben, sich nun den
ungestümen Dringern entgegenstemmen? Es konnte nicht anders sein: die
neue Welt schritt über ihre ganz verblüfften Köpfe hinweg,
ohne nach ihnen zu fragen. Christus galt fortan für einen ganz guten,
nur leider etwas überspannten Man dem sich jeder Gebildete wenigstens
vollkommen ebenbürtig dünkte. Es war eine allgemeine Seligsprechung
der Menschheit, die durch ihre eigene Kraft und Geistreichigkeit kurzweg sicb
selbst zu erlösen unternahm; mit einem Wort: der vor lauter Hochmut endlich
tollgewordene Rationalismus, welcher in seiner praktischen Anwendung eine
Religion des Egoismus proklamierte. Hatte man aber hiermit alles auf die subjektive
Eigenmacht gestellt, so kann es natürlich nur darauf an, diese Eigenmacht
auch wirklich zu einer Weltkraft zu entwickeln; und daraus folgte von selbst
der gewaltige Stoß der neuen Pädagogik gegen die alte Edukation.
Diese war bisher wesentlich eine partikuläre Standeserziehung gewesen,
das Individuum ging in seinem bestimmten Stande, alle Stände aber in
der allgemeinen Idee des Christentums auf. Jetzt dagegen sollte auch hier
die bloße Natur frei walten, jeder Knabe sollte seine aubjektive Art
oder Unart ungeniert herausbilden, gleichsam spielend sich selbst erziehen,
man wollte lauter Rousseausche Emile, das Endziel war der „starke Mensch".
Der Adel mußte nun, wenn er nicht von der Zukunft exkludiert sein wollte,
dem allgemeinen Zuge folgen. Das nach dem neuen Maßstabe durchaus unzureichende
Hauslehrerunwesen sowie die Pariser Reisestudien hatten fast ganz aufgehört,
der Offiziersdienst reduzierte sich immer mehr erblich von Generation zu Generation
auf bestimmte unbegüterte Militärfamilien, die jungen Kavaliere
gingen auf die Gymnasien wie die andern. Ihre Erziehung war also keine spezifisch
adelige mehr, sondern mehr oder minder in die Volksschule aufgegangen. Fast
noch unmittelbarer berührte jedoch den Adel. der gleichzeitig zur Herrschaft
gelangte Kosmopolitismus, jener seltsame "Überall und Nirgends",
der in aller Welt und also recht eigentlich nirgends zu Hause war. Aus allen
möglichen und unmöglichen Tugenden hatte man für das gesamte
Menschengeschlecht eine prächtige Bürgerkrone verfertigt, die auf
alle Köpfe passen sollte, als sei die Menschheit ein bloßes Abstraktum
und nicht vielmehr ein lebendiger Föderativstaat der verschiedensten
Vö1kerindividuen. Alle Geschichte, alles Nationale und Eigentümliche
wurde sorgfältigst verwischt, die Schulbücher, die Romane und Schauspiele
predigten davon; was Wunder, daß die Welt es endlich glaubte! Der Adel
aber war durchaus historisch, seine Stammbäume wurzelten gcrade in dem
Boden ihres speziellen Vaterlandes, der ihnen nun plötzlich unter den
Füßen hinwegphilosophiert wurde. Diese barbarische Gleichmacherei,
dieses Verschneiden des frischen Lebensbaumes nach einem eingebildeten Maße
war die größte Sklaverei; denn was wäre denn die Freiheit
anders als eben die möglichst ungehinderte Entwicklung der geistigen
Eigentümlichkeit?
Hiermit hing wesentlich auch das politische Dogma zusammen, wonach alle Lasten,
wie etwa jetzt den Jesuiten, dem Adel, alle Tugenden den niederen Ständen
zugewiesen wurden. Wer erinnert sich nicht noch aus den damaligen Leihbibliotheken
und Theatern der falschen Minister, der abgefeimten Kammerherren, der Scharen
unglücklicher Liebender, die vom Ahnenstolz unbarmherzig unter die Füße
getreten werden, sowie andererseits der edelmütigen Essighändler,
biederen Förster usw., wovon z. B. Schillers “Kabale und Liebe"
ein geistreiches Resümee gibt. Allein in der Wirklichkelt verhielt es
sich anders als in den Leihbibliotheken; es war, nur unter verschiedenen Formen
und Richtungen, der eine eben nicht besser und nicht schlimmer als der andere.
Der Bauernstolz ist sprichwörtlich geworden, und die Bauern sind noch
heutzutage die letzten Aristokraten vom alten Stil.
Der Bürgerstand - dessen Seele die geistige Bewegung, oder wie wir es
jetzt nennen würden. das Prinzip des beständigen Fortschritts war
- hatte sich kampfesmüde auf den goldenen Boden des Handwerks gelegt,
und die Städte waren allmählich aus einer Weltmacht eine Geldmacht
geworden. Allein hierin war ihnen der Adel im allgemeinen durch seinen großen
Landbesitz noch immer bedeutend überlegen; sie hatten sich mit ihm auf
denselben materiellen Boden gestellt, auf dem sie ihn unmöglich innerlich
bewältigen konnten. Sie suchten daher nun äußerlich mit ihm
zu rivalisieren, sie wollten nicht bloß frei und reich, sondern auch
vornehm sein. Das ist aber jederzeit ein höchst mißliches Unternehmen,
denn um vornehm zu erscheinen, muß man wirklich vornehm, d. h. durch
die allgemeine Meinung irgendwie bereits geadelt sein. Das forcierte Vornehmtun
macht gerade den entgegengesetzten Effekt:“ man merkt die Absicht und
ist verstimmt"; wogegen das wirklich Vornehme sich durchaus bequem und
passiv zeigt, als ein natürliches bloßes Ablehnen des Gemeinen
bei völliger Unbekümmertheit um eine höhere Gattung, die sich
ja schon ganz von selbst versteht. Es ist demnach sehr begreiflich, daß
jene kleinliche Rivalität der Bürgerlichen, da sie auf der neuen
Bühne die ihnen noch mangelnde Routine durch feierliches Pathos zu ersetzen
strebten, anfangs noch ziemlich ungeschickt ausfallen mußte, und daß
der Adel seinerseits diese gewaltsamen und pompösen Anstrengungen der
„Ellenreitcr" mit einer gewissen Schadenfreude belächelte..
Beides indes, dieses Lächeln sowie jenes Großtun, nahm plötzlich
ein Ende mit Schrecken, als gegen den Schluß des vorigen Jahrhunderts
auf einmal die ganze Aufk1ärung, die echte und aus den Büchersthränken
in alle Welt ausgefahren. Es handelte sich nun nicht mehr um dies und jenes,
sondern um die gesamte Existenz, Satan sollte durch Beelzebub ausgetrieben
werden, es war ein Krieg aller gegen alle, Der grobe Materialismus rang mit
körperlosen Abstrakten, die zärtliche Humanität fraternisierte
mit der Bestialität der, Freiheitspöbels, die dickköpfige Menschheit
wurde mit Bluthunden zu ihrer neuen seligkeit gehetzt, und Philosophie und
Aberglauben und Atheismus rannten wild gegeneinander, so daß zuletzt
niemand wußte, wer Freund oder Feind, - Und in dieser unen Konfusion
tat der Adel gerade das Allerungeschickteste. Anstatt die im Sturm umherflatternden
Zagel kraft höherer Intelligenz kühn zu erfassen, isolierte er sich
stolz grollend und meinte durch Haß und Verachung die eilfertige Zeit
zu bezwingen, die ihn natürlich in seinem Schmollwinkel sitzen ließ;
Aber nur die völlige Barbarei kann ohne Adel bestehen. In jedem Stadium
der Zivilisation wird es, gleichviel unter welchen Namen und Formen, immer
wieder Aristokraten geben, d. h. eine bevorzugte Klasse, die sich über
die Massen erhebt, um sie zu lenken. Denn der Adel (um ihn bei dem einmal
traditionell gewordenen Namen zu nennen) ist seiner unvergänglichen Natur
nach das ideale Element der Gesellschaft; er hat die Aufgabe, alles Große,
Edle und Schöne, wie und wo es auch im Volke auftauchen mag, ritterlich
zu wahren, das ewig wandelbare Neue mit dem ewig Bestehenden zu vermitteln
und somit erst wirklich lebensfähig zu machen. Mit romantischen Illusionen
und dem bloßen eigensinnigen Festhaften des Längstverjährten
ist also hierbei gar nichts getan. Dahin aber scheint der heutige exklusive
Aristokratismus allcrdings zu zielen.