The German Section of the Department of Modern Languages and Literatures

DEUTSCH 225
Deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts I

Arno Holz

"So einer war auch er!"

Ihr Dach stieß bis an die Sterne....

Liegt ein Dörflein mitten im Walde,
überdeckt vom Sonnenschein,
und vor dem letzten Haus an der Halde
sitzt ein steinalt Mütterlein.

Sie läßt den Faden gleiten
und Spinnrad Spinnrad sein
und denkt an die alten Zeiten
und nickt und schlummert ein.

Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
vom Hof her stampfte die Fabrik,
es war die richtige Mietskaserne
mit Flur- und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
parterre gabs Branntwein, Grog und Bier,
und bis ins fünfte Stockwerk hatte
das Vorstadtelend sein Quartier.

Heimlich schleicht die Mittagsstille
durch das flimmernde grüne Revier.
Alles schläft; selbst Drossel und Grille
und vorm Pflug der müde Stier.

Da plötzlich kommt es gezogen
blitzend den Wald entlang
und vor ihm hergeflogen
Trommel- und Pfeifenklang.

Dort saß er nachts vor seinem Lichte
--duck nieder, nieder, wilder Hohn!--
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, eine verlorner Sohn!
Sein Stübchen konnte gerade fassen
ein Tischchen und ein schmales Bett;
er war so arm und so verlassen,
wie jener Gott aus Nazareth!

Und in das Lied vom alten Blücher
jauchzen die Dörfler: "Sie sind da!"
Und die Mädels schwenken die Tücher
und die Jungens rufen: "Hurra!"

Gott schütze die goldenen Saaten,
dazu die weite Welt;
des Kaisers junge Soldaten
ziehn wieder ins grüne Feld!

Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
die Welt, ihn aus: Er ist verrückt!
Ihm hatte leuchtend auf die Stirne
der Genius seinen Kuß gedrückt.
Und wenn vom holden Wahnsinn trunken
er zitternd Vers an Vers gereiht,
dann schien auf ewig ihm versunken
die Welt und ihre Nüchternheit

Sieh, schon schwenken sie um die Halde,
wo das letzte der Häuschen lacht.
Schon verschwinden die ersten im Walde,
und das Mütterchen ist erwacht.

Versunken in tiefes Sinnen,
wird ihr das Herz so schwer,
und ihre Tränen rinnen:
"So einer war auch Er!"

In Fetzen hing ihm seine Bluse,
sein Nachber lieh ihm trocknes Brot,
er aber stammelte: O Muse!
und wußte nichts von seiner Not.
Er saß nur still vor seinem Lichte,
allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!

Holz "Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne"
1. Was für ein Bild gibt das Gedicht von der Stadt?

2. Womit kann man die Musik vergleichen? Denken Sie, daß der Dichter an richtige Musik denkt?

3. Warum ist der Dichter ein verlorener Sohn? Gibt es vielleicht einen Vergleich hier mit einer Geschichte aus der Bibel?

4. Warum gibt es den Vergleich mit jenem "Gott aus Nazareth"?

5. Warum sieht Holz die Welt als eine "feile Dirne"?

6. Was ist die Beziehung des Dichters zur Welt?

7. Was können Sie über den Aufbau des Gedichts sagen? Reimschema? Metrum?

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