Stefan George

Ich forschte bleichen eifers

 

Ich forschte bleichen eifers nach dem horte
Nach strofen drinnen tiefste kümmerniss
Und dinge rollten dumpf und ungewiss -
Da trat ein nackter engel durch die pforte:

Entgegen trug er dem versenkten sinn
Der reichsten blumen last und nicht geringer
Als mandelblüten waren seine finger
Und rosen rosen waren um sein kinn.

Auf seinem haupte keine krone ragte
Und seine stimme fast der meinen glich:
Das schöne leben sendet mich an dich
Als boten: während er dies lächelnd sagte

Entfielen ihm die lilien und mimosen -
Und als ich sie zu heben mich gebückt
Da kniet auch ER · ich badete beglückt
Mein ganzes antlitz in den frischen rosen.

 






Stefan George
Komm in den totgesagten Park

 

Komm in den totgesagten Park und schau:
Der Schimmer ferner lächelnder Gestade,
Der reinen Wolken unverhofftes Blau,
Erhellt die Weiher und die bunten Pfade.

Dort nimm das tiefe Gelb, das weiche Grau
Von Birken und von Buchs, der Wind ist lau,
Die späten Rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese, küsse sie und flicht den Kranz.

Vergiß auch diese letzten Astern nicht,
Den Purpur um die Ranken wilder Reben,
Und auch was übrig blieb von grünem Leben
Verwinde leicht im herbstlichen Gesicht.



Fragen
1. Wo findet man im Gedicht eine Beschreibung der Landschaft?

2. Welche Jahreszeit ist es? Wie wissen Sie das?

3. Finden Sie die Verben im Gedicht! Welche Verbformen gibt es?

4. Was passiert in den letzten beiden Strophen?

5. Warum ist das Blau in der ersten Strophe unverhofft?

6. Was sind die fernen Gestade? Sind sie irdisch? himmlisch?

7. Wie sehen wir im Endreim eine Verbindung zwischen der ersten und der zweiten Strophe?

8. Wie wird das Wort 'dort" in der zweiten Strophe betont?

9. Was macht man in den ersten zwei Zeilen der zweiten Strophe?

10. Wie spüren wir, daß der Blick des Dichters länger auf den späten Rosen ruht?

11. Wlechen Entschluß macht er beim Anblick der Rosen?

12. Ist der Kranz ein lebendiges und farbenleuchtendes Sinnbild des Herbstes oder eine Abstraktion?

13. Machen Sie einige Bemerkungen zum Sprachklang!
Welche Vokale herrschen in jeder Strophe vor?
Wo ist Alliteration?

14. Wo werden Blumen genannnt? Die Zeile dazwischen ist wichtig,
Welche Funktion hat sie im Aufbau sowie in der Tätigkeit des Dichters?

15. Machen Sie eine Liste der Adjektive! EInige sind Farben. Was beschreiben die meisten anderen?

16. Kann man vielleicht dadurch behaupten, das der Kranz ein Sinnbild ist? Wofür?

17. Vegleichen Sie den Aufbau der ersten und der dritten Strophe!

18. Wo findet das unverhoffte Blau der Wolken seine Entsprechung auf der Erde?
Was haben sie im Herbst gemeinsam?

19. Der Schimmer ist im Nominativ. Das entsprechende Wort Purpur in der dritten Strophe ist im Akkusativ.
Ebenso bei Blau: Was übrig bleib. Welche Bedeutung has das wohl im Bezug auf den Dichter?

20. Der Reim hat auch sinnbildliche Bedeutung. Wie?

21. Was sagt das Gedicht von der Beziehung des Dichters zur Natur?

22. Das Gedicht könnte ein Gedicht vom Dichter und vom Dichten sein.
Wie steht der Dichter zu seinem Stoff?

Wir schreiten auf und ab im reichen
flitter

 

Wir schreiten auf und ab im reichen flitter
Des buchenganges beinah bis zum tore
Und sehen aussen in dem feld vom gitter
Den mandelbaum zum zweitenmal im flore.

Wir suchen nach den schattenfreien bänken
Dort wo uns niemals fremde stimmen scheuchten ·
In träumen unsre arme sich verschränken ·
Wir laben uns am langen milden leuchten

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.

 

 

Fragen
1. Was ist der äußere Vorgang dieses Gedichtes?

2. Welches Bild von der Natur sehen wir im Gedicht?

3. Wo sehen wir die von Menschen gestiftete Ordnung?

4. Wo befindet sich der Mandelbaum?

5. Schauen Sie die Wörter 'Flur" und "Flitter" im Wörterbuch nach!
Entstehen Sie natürlich oder durch menschliche Mache? Womit reimen sie?

6. Wie fallen die Früchte, regellos oder taktmäßig? Sagt das noch etwas über die Art der Landschaft,
die dargestellt wird?

7. Was meint der Dichter mit "wir"?

8. In unbetonten Silben erscheInt gewöhnlich in deutschen Gedichten ein "e".
Welche Vokale finden wir in diesem Gedicht in den unbetonten Silben?

Ihr sprecht von wonnen die ich nicht begehre


Ihr sprecht von Wonnen, die ich nicht begehre
In mir die Liebe schlägt für meinen Herrn;
Ihr kennt allein die süße. Ich die hehre.
Ich lebe meinem hehren Herrn.

Mehr als zu jedem Werke eurer Gilde
Bin ich geschickt zu Werke meines Herrn.
Da werd ich gelten. Denn mein Herr ist milde,
Ich diene meinem milden Herrn.

Ich weiß, in dunkle Lande führt die Reise,
Wo viele sterben. Doch mit meinem Herrn
Trotz ich Gefahren. Denn mein Herr ist weise.
Ich traue meinem weisen Herrn.

Und wenn er allen Lohnes mich entblößte:
Mein Lohn ist in den Blicken meines Herrn.
Sind andre reicher: ist mein Herr der größte.
Ich folge meinem größten Herrn.

 

 

Fragen
1. Mit wem spricht der Dichter, mit gleichgesinnten oder mit anderen?

2. Wie unterscheidet er sich von denen?

3. Welche Eigenschaften hat sein Herr?

4. Was tut er für seinen Herrn?

5. Merken Sie die dritte Zeile jeder Strophe! Von wem spricht er in jeder Strophe?

6. Wo erscheint das Wort Herr?

7. Wo merken Sie andere Ähnlichkeiten im Strophenbau?

8. Wer ist der Herr: Gott oder ein anderer Herr?

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