Friedrich von Hagedorn

An die Freude (1744)

Freude, Göttin edler Herzen,
höre mich!
Laß die Lieder, die hier schallen,
dich vergrößern, dir gefallen!--
was hier tönet, tönt durch dich.

Muntre Schwester süßer Liebe!
Himmelskind!
Kraft der Seelen! halbes Leben!
ach! was kann das Glück uns geben,
wenn man dich nicht auch gewinnt?

Stumme Hüter toter Schätze
sind nur reich.
Dem, der keinen Schatz bewachet,
sinnreich scherzt und singt und lachet,
ist kein karger König gleich.

Gib den Kennern, die dich ehren,
neuen Mut,
neuen Scherz den regen Zugen,
neue Fertigkeit den Jungen,
und den Alten neues Blut.

Du erheiterst, holde Freude!
die Vernunft.
Flieh auf ewig die Gesichter
aller finstern Splitterrichter
und die ganze Heuchlerzunft!


Anakreon (1747)

In Tejos und in Samos
und in der Stadt Minervens
sang ich von Wein und Liebe,
von Rosen und vom Frühling,
von Freundschaft und von Tänzen;
doch höhnt ich nicht die Götter,
auch nicht der Götter Diener,
auch nicht der Götter Tempel --
wie hieß' ich sonst der Weise?

Ihr Dichter voller Jugend
wollt ihr bei froher Muße
anakreontisch singen,
so singt von milden Reben
von rosenreichen Hecken,
vom Frühling und von Tänzen,
von Freundschaft und von Liebe;
doch höhnet nicht die Gottheit,
auch nicht der Gottheit Diener,
auch nicht der Gottheit Tempel.
Verdienet, selbst im Scherzen,
den Namen echter Weisen.

Der Tag der Freude (1742)

Ergebet euch mit freiem Herzen
Der jugendlichen Fröhlichkeit:
Verschiebet nicht das süße Scherzen,
Ihr Freunde, bis ihr älter seid.
Euch lockt die Regung holder Triebe;
Dies soll ein Tag der Wollust sein:
Auf! ladet hier den Gott der Liebe,
Auf! ladet hier die Freuden ein.

Umkränzt mit Rosen euere Scheitel,
(Noch stehen die Rosen gut)
Und nennet kein Vergnügen eitel,
Dem Wein und Liebe Vorschub tut.
Was kann das Totenreich gestatten?
Nein! lebend muß man fröhlich sein.
Dort herzen wir nur kalte Schatten;
Dort trinkt man Wasser und nicht Wein.

Seht! Phyllis kommt: o neues Glücke!
Auf! Liebe, zeige deine Kunst,
Bereich're hier die schönsten Blicke
Mit Sehnsucht und mit Gegengunst.
O Phyllis! glaube meiner Lehre:
Kein Herz muß unempfindlich sein.
Die Sprödigkeit bringt etwas Ehre;
Doch kann die Liebe mehr erfreuen.

Die Macht gereizter Zärlichkeiten,
Der Liebe schmeichelnde Gewalt,
Die werden doch kein Herz erbeuten,
Und du ergibst dich nicht zu bald.
Wir wollen heute dir vor allen
Die Lieder und die Wünsche weihn.
O könnten Küsse dir gefallen
Und deiner Lippen würdig sein!

Der Wein, den ich dir uberreiche,
Ist nicht vom herben Alter schwer.
Doch, daß ich dich mit ihm vergleiche,
Sei jung und feurig, so wie er.
So kann man dich vollkommen nennen:
So darf die Jugend uns erfreun,
Und ich der Liebe selbst bekennen:
Auf Phyllis' Liebe schmeckt der Wein.


 

 




 

 

 

 

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