The German Section of the Department of Modern Languages and Literatures

Friedrich Nietzsche
Gedichte

Vereinsamt
Ecce homo

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schein, -

Weh dem, der keine Heimat hat!



Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr' ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich
.

 

 

 

Das trunkne Lied


O Mensch! Gib, acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -
aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: vergeh!
doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit

Friedrich Nietzsche
A. "Vereinsamt"
1. Welche Verbindung kann man zwischen der zweiten und der letzen Zeile der ersten Strophe sehen?

2. Was bedeutet für den Dichter die Welt, in die er gegangen ist, statt nach Hause zu gehen?

3. Was verlor der Dichter (= Du)?

4. Sehnt sich der Dichter nach der Heimat?

6. Wie reagiert er auf sein eigenes Gefühl?

7. Welche Bilder zeigen besonders stark seine unangenehme Situation!

8. Welche Strophen sind einander fast gleich, und was ist die Funktion dieser annähernden Gleichheit?

9. Wo finden wir Alliteration (Gleichklang der Konsonantenlaute)? Wo wirkt sie scharf und beißend statt milde und melodisch?

B. "Das trunkne Lied"
1. In welcher Situation befindet sich der Dichter?

2. Woher hat er seine Botschaft?

3. Was bedeuten wohl Tag und Nacht, und was ist ihre Verbindung zu Lust und Leid (Weh)?

4. Beschreiben Sie den Aufbau des Gedichts! Wo ist Alliteration? Reim? Assonanz (Gleichklang der Vokallaute)?

 

Die Sonne sinkt
 

1

Nicht lange durstest du noch,
verbranntes Herz!
Verheißung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst michs an,
-die große Kühle kommt . . .

Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage:
seid mir gegrüßt, daß ihr kommt,
ihr plötzlichen Winde,
ihr kühlen Geister des Nahmittags!

Die Luft geht fremd und rein.
Schielt nicht mit schiefem
Verführerblick
die Nacht mich an?
Bleib stark, mein tapferes Herz!
Frag nicht: warum?

 


2

Tag meines Lebens!
die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
Flut vergüldet.
Warm atmet der Fels:
schlief wohl zu Mittag
das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
In grünen Lichtern
spielt Glück noch der braune Abgrund herauf

Tag meines Lebens!
gen Abend gehts!
Schon glüht dein Auge
halbgebrochen,
schon quillt deines Taus
Tränengeträufel,
schon läuft still über weiße Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit . . .

3

Heiterkeit, güldene, komm!
du des Todes
heimlichster, süßester Vorgenuß!
-Lief ich zu rasch meines Wegs?
jetzt er, wo der Fuß müde ward,
holt dein Blick mich noch ein,
holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit,-
müßig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt - wie verlernt' er das!
Wunsch und Hoffen ertrank,
glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
Nie empfand ich
näher mir süße Sicherheit,
wärmer der Sonne Blick.
- Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch,
schwimmt nun mein Nachen hinaus . . .


C. "Die Sonne sinkt"
1. Wonach sehnt sich der Dichter in dem ersten Teil?

2. Welche Tageszeiten haben wir in den verschiedenen Teilen des Gedichts? Womit kann man die Tageszeiten verbinden?

3. Welche Rolle spielen die Farben und der Unterschied zwischen Wärme und Kühle?

4. Welche symbolische Bedeutung hat der Kahn? Warum steht er jetzt müßig? Welche Bedeutung hat das Hinausschwimmen des Kahns am Ende?



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