Martin Luther
EIN SENDBRIEF
VOM DOLMETSCHEN (1530)



Gnade und Friede in Christo. Ehrbarer, fürsichtiger, lieber Herr und Freund! Ich habe Eure Schrift empfangen mit den zwei Quästionen oder Fragen, darin Ihr meines Berichtes begehrt: Erstlich, warum ich zu den Römern im dritten Kapitel die Worte S. Pauli: Arbitramar, hominem justificari ex fide absque operibus also verdeutscht habe: Wir halten, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werk allein durch den Glauben. Und zeigt daneben an, wie die Papisten sich über die Maßen unnutz machen, weil im Text Pauli nicht steht das Wort: ,,allein", und sei solcher Zusatz von mir nicht zu leiden in Gottes Worten etc. Zum Andern, ob auch die verstorbenen Heiligen für uns bitten, weil wir lesen, daß ja die Engel für uns bitten etc. Auf die erste Frage, wo es euch gelüstet, mögt Ihr Euern Papisten von meinetwegen antworten also: Zum Ersten, wenn ich, Doctor Luther, mich hätte des versehen mögen, daß die Papisten alle auf einen Haufen so geschickt wären, daß sie e i n Kapitel in der Schrift könnten recht und wohl verdeutschen, so wollte ich fürwahr mich der Demut haben finden lassen und sie um Hilfe und Beistand gebeten, das Neue Testament zu verdeutschen. Aber dieweil ich gewußt und noch vor Augen sehe, daß ihrer keiner recht weiß, wie man dolmetschen oder deutsch reden soll, habe ich sie und mich solcher Mühe überhoben. Das merkt man aber wohl, daß sie aus meinem Dolmetschen und Deutsch lernen Deutsch reden und schreiben, und stehlen mir also meine Sprache, davon sie zuvor wenig gewußt; danken mir aber nicht dafür, sondern brauchen sie viel lieber wider mich. Aber ich gönne es ihnen wohl; denn es tut mir doch sanft, daß ich auch meine undankbaren Jünger, dazu meine Feinde, reden gelehrt habe.

Zum Andern mögt Ihr sagen, daß ich das Neue Testament verdeutscht habe auf mein bestes Vermögen und auf mein Gewissen; habe damit Niemand gezwungen, daß er's lese, sondern frei gelassen, und allein zu Dienst getan denen, die es nicht besser machen können. Ist Niemand verboten, ein Besseres zu machen. Wer's nicht lesen will, der laß es liegen. Ich bitte und feiere Niemand darum. Es ist mein Testament und meine Dolmetschung und soll mein bleiben und sein. Habe ich drinnen etwa gefehlt (das mir doch nicht bewußt, und [ich] freilich ungern einen Buchstaben mutwilliglich wollte unrecht verdolmetschen), darüber will ich die Papisten nicht zu Richter leiden. Denn sie haben noch zur Zeit lange Ohren dazu, und ihr Ika Ika ist zu schwach, mein Verdolmetschen zu beurteilen.

Ich weiB wohl, und sie wissen's weniger denn des Müllers Tier, was für Kunst, Fleiß, Vernunft, Verstand zum guten Dolmetscher gehört; denn sie haben's nicht versucht. Es heißt: Wer am Wege baut, der hat viel Meister. Also geht mir's auch. Diejenigen,die noch nie haben recht reden können, geschweige denn dolmetschen, die sind allzumal meine Meister,und ich muß ihrer allerJünger sein. Und wenn ich sie hätte fragen sollen, wie man die ersten zwei Worte, Matth. 1,1: Liber generationis (book of the genealogy), sollte verdeutschen, so hätte ihrer keiner gewußt Gack dazu zu sagen, und urteilen mir nun das ganze Werk, die feinen Gesellen! Also ging es S. Hieronymus (translator of the Bible into Latin) auch, da er die Bibel verdolmetschte, da war alle Welt sein Meister, er allein war es, der nichts konnte, und verurteilten dem guten Mann sein Werk die jenigen, so ihm nicht genug gewesen wären, daß sie ihm die Schuhe hätten wischen sollen. Darum gehört große Geduld dazu, so Jemand öffentlich Gutes tun will. Welt will Meister Klügling bleiben und muß immer das Roß unter dem Schwanz zäumen, alles meistern und selbst nichts können.

Das ist ihre Art, davon sie nicht lassen kann. Ich wollte noch gßrn den Papisten ansehen, der sich hervor täte und etwa eine Epistel S. Pauli oder einen Propheten verdeutschte, so fern, daß er des Luthers Deutsch und Dolmetschen nicht dazu gebraucht: da sollte man sehen ein feines, schones, löbliches Deutsch oder Dolmetschen. Denn wir haben unter ihr ja gesehen den Sudler (sloven; polemic allusion to Hieronymus Emser, one of Luther's philological rivals) zu Dresden, der mein Neues Testament gemeistert hat (ich will seinen Namen in meinen Büchern nicht mehr zu viel; nennen; so hat er auch nun seinen Richter und ist sonst wohl bekannt). Der bekennt, daß mein Deutsch süß und gut sei und sah wohl, daß er's nicht besser machen könnte, und wollte es doch zu Schanden machen, fuhr zu und nahm vor sich mein Neues Testament fast von Wort zu Wort, wie ich's gemacht habe, und tat meine Vorrede, Glosse und Namen davon, schrieb seinen Namen,Vorrede und Glosse dazu, verkaufte also mein Neues Testament unter seinem Namen...................................................................................

Und daß ich wieder zur Sache komme,wenn euer Papist sich viel unnütze machen will mit dem Wort sola, allein, so sagt ihm flugs also: Doctor Martinus Luther will's also haben und spricht: Papist und Esel sei ein Ding. Sic volo, sic jubeo, sit pro ratione voluntas (This I wish, thus I com mand; be my will sufficient reason (Juvenal, Satires vi. 223). Denn wir wollen nicht der Papisten Schüler noch Jünger, sondern ihre Meister und Richter sein, wollen auch einmal stolziren und pochen mit den Eselsköpfen; und wie Paulus wider seine tollen Heiligen sich rühmt, so will ich mich auch wider diese meine Esel rühmen. Sie sind Doctores? Ich auch. Sie sind gelehrt ? Ich auch. Sie sind Prediger ? Ich auch. Sie sind Theologen? lch auch. Sie sind Disputatores? lch auch. Sie sind Philosophi?'' Ich auch. Sie sind Dialectici? lch auch. Sie sind Legenten? Ich auch. Sie schreiben Bucher? Ich auch. Und will weiter rühmen: Ich kann Psalmen und Propheten auslegen; das können sie nicht. Ich kann dolmetschen; das können sie nicht. Ich kann die heilige Schrift lesen; das können sie nicht. Ich kann beten; das können sie nicht. Und daß ich herunter komme, ich kann ihre eigene Dialectica und Philosopie besser denn sie selbst allesammt. Und weiß dazu fürwahr, daß ihrer keiner ihren Aristoteles versteht. Und ist einer unter ihn allen, der ein Proemium oder Kapitel im Aristoteles recht versteht, so will ich mich prellen lassen. Ich rede jetzt nicht viel; denn ich bin durch alle ihre Kunst erzogen und erfahren von Jugend auf, weiß sehr wohl, wie tief und weit sie ist. So wissen sie auch wohl, daß ich's alles weiß und kann, was sie können; dennoch handeln die heillosen Leute gegen mich, als wäre ich ein Gast in ihrer Kunst, der allererst heut morgen gekommen wäre und noch nie weder gesehen noch gehört hätte, was sie lehren oder können....

Das sei auf Eure erste Frage geantwortet und bitte Euch, wollt solchen Eseln ja nichts anders noch mehr antworten auf ihr unnützes Geplärre vom Wort sola, denn also viel: Luther will's so haben und spricht, er sei ein Doctor über alle Doctoren im ganzen Papsttum. Da soll's bei bleiben, ich will sie hinfort schlecht verachten und verachtet haben, so lange sie solche Leute (ich wollt sagen Esel) sind. Denn es sind solche unverschämte Tropfen (simpletons) unter ihnen, die auch ihre eigene, der Sophisten Kunst, nie gelernt haben, wie Doctor Schmidt(Johannes Faber-later bishop of Vienna) und Doctor Rotzlöffel ( Spoon of snot=Johannes Cochläus -L. cochlear:spoon und seinesgleichen; und legen sich glelchwohl wider mich in dieser Sache, die nicht allein über die Sophisterei, sondern auch, wie S. Paulus sagt, über aller Welt Weisheit und Vernunft ist. Zwar es durfte ein Esel nicht viel singen, man kennt ihn sonst wohl bei den Ohren.

Euch aber und den Unsern will ich anzeigen, warum ich das Wort sola habe brauchen wollen, wiewohl Rom. 3,28 nicht sola, sondern solum oder tantum von mir gebraucht ist. Also fein sehen die Esel meinen Text an; aber doch habe ich's sonst anderswo, sola fide, gebraucht, und will auch beide, solum und sola, haben. (Ich habe mich des geflissen im Dolmetschen, daB ich reines und klares Deutsch geben möchte. Und ist uns wohl oft begegnet, daß wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen ein einziges Wort gesucht und gefragt haben, haben's dennoch zuweilen nicht gefunden. Im Hiob arbeiteten wir also, M. Philipps (Melanchton) , Aurogallus (Professor of Hebrew in Wittenberg) und ich, daß wir in vier Tagen zuweilen kaum drei Zeilen fertigen konnten. Lieber, nun es verdeutscht und bereit ist, kann's ein Jeder lesen und meistern, läuft einer jetzt mit den Augen durch drei, vier Blätter und stößt nicht einmal an; wird aber nicht gewahr, welche Wacken (heavy stones) und Klötze da gelegen sind, da er jetzt überhin geht, wie uber ein gehobeltes Brett, da wir haben schwitzen müssen und uns üngstigen, ehe denn wir solche Wacken und Klotze aus dem Wege räumten, auf daß man konnte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der 200 gereinigt ist; aber den Wald und die Stöcke ausrotten und den Acker zurichten, da will Niemand an. Es ist bei der Welt kein Dank zu verdienen. Kann doch Gott selbst mit der Sonne, ja mit Himmel und Erde, noch mit seines eigenen Sohnes Tod keinen Dank verdienen; sie sei und bleibt Welt in des Teufels Namen, weil sie ja nichts anders will.

Ich habe hier Rom. 3,28 sehr wohl gewuBt, daB im lateinischen und griechischen Text das Wort solum nicht steht, und hatten mich solches die Papisten nicht dürfen lehren. Wahr ist's, diese vier Buchstaben sola stehen nicht drinnen, welche Buchstaben die Eselsköpfe ansehen, wie die Kuh ein neues Tor. Sehen aber nicht, daB es gleichwohl die Meinung des Textes in sich hat, und wo man's will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehört es hinein. Denn ich habe deutsch, nicht lateinisch noch griechisch reden wollen, da ich deutsch zu reden im Dolmetschen vorgenommen hatte. Das ist aber die Art unserer deutschen Sprache: wenn sich eine Rede begiebt von zwei Dingen, deren man eines bekennt und das andere verneint, so braucht man des Wortes ,,allein" neben dem Wort ,,nicht" oder ,,kein". Als wenn man sagt: Der Bauer bringt allein Korn und kein Geld. Nein, ich habe wahrlich jetzt nicht Geld, sondern allein Korn. Ich habe allein gegessen und noch nicht getrunken. Hast du allein geschrieben und nicht übergelesen ? Und dergleichen unzählige Weise im täglichen Brauch.

In diesen Reden allen, ob's gleich die lateinische oder griechische Sprache nicht tut, so tut's doch die deutsche, und ist ihre Art, daß sie das Wort ,,allein" hinzusetzt, auf daß das Wort ,,nicht" oder ,,kein" desto völliger und deutlicher sei. Denn wiewohl ich auch sage: Der Bauer bringt Korn und kein Geld, so lautet doch das Wort ,,kein Geld" nicht so völlig und deutlich, als wenn ich sage: Der Bauer bringt allein Korn und kein Geld; und hilft hier das Wort ,,allein" dem Wort ,,kein" so viel, daß es eine völlige deutsche klare Rede wird.

Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun; sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, daBßman deutsch mit auch gut deutsch sei ? Wo redet der deutsche Mann also: Du bist voll Gnaden ? Und welcher Deutscher versteht, was gesagt sei ,,voll Gnaden"? Er muB denken an ein FaB voll Bier oder Beutel voll Geldes. Darum habe ich's verdeutscht ,,du Holdselige" doch ein Deutscher desto mehr hinzo denken kann, was der Engel mit seinem GruB meint. Aber hier wollen die Papisten toll werden über mich, daB ich den engelischen GruB verderbt habe; wiewohl ich dennoch damit nicht das beste Deutsch getroffen habe. Und hätte ich das beste Deutsch hier nehmen sollen und den Gruß also verdeutschen: Gott grüße dich.du liebe Maria (denn so viel will der Engel sagen, und so wurde er geredet haben, wann er hätte wollen sie deutsch grüBen), ich halte sie sollten sich wohl selbst erhenkt haben vor groBer Andacht zu der lieben Maria, daB ich den Gruß so zu nichte gemacht hätte. Aber was frage ich darnach, sie toben oder rasen? Ich will nicht wehren, daß sie verdeutschen, was sie wollen; ich will aber auch verdeutschen, nicht wie sie wollen, sondern wie ich will. Wer es nicht haben will, der laB mir's stehen und halte seine Meisterschaft bei sich; denn ich will ihrer weder sehen noch hören. Sie dürfen für mein Dolmetschen nicht Antwort geben noch Rechenschaft tun. Das hörst du wohl, ich will sagen: du holdselige Maria, du liebe Maria; und laß sie sagen: du voll Gnaden Maria. Wer deutsch kann, der weiB wohl, welch ein herzlich feines Wort das ist: die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Kaiser, der liebe Fürst, der liebe Mann, das liebe Kind. Und ich weiß nicht, ob man das Wort ,liebe" auch so herzlich und genugsam in iateinischer oder andern Sprachen reden möge, daß es also dringe und klinge in's Herz durch alle Sinne,wie es tut in unserer Sprache....

 

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